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Texte

Text des Kurators / der Kuratorin

Christof Metzger (2013)

Mit seinem Selbstbildnis von 1484 – Dürers ältestes auf uns gekommenes Werk – erklärt der Künstler das eigene ICH schon zur Richtschnur des gesamten nachfolgenden Oeuvres. Die Zeichnung offenbart uns die Selbstsicherheit und Zuversicht eines jungen Talents, als ob er seine Ebenbürtigkeit mit dem Vater, Goldschmied Albrecht Dürer dem Älteren (Ajtos/ Ungarn 1427–1502 Nürnberg) demonstrieren wollte. Als er ein Kind war, so informiert uns die spätere, doch eigenhändige Aufschrift, habe er sich nach seinem Spiegelbild gezeichnet.

Mit Nachdruck erklärte Erwin Panofsky die Silberstiftzeichnungen des Älteren nun zu einem Gegenstück, geschaffen aber von der Hand des Vaters. Er, Albrecht Dürer der Ältere, zeigt sich als Goldschmied, der mit einer Statuette in seiner Rechten eine Probe seines Könnens vorführt. Der ältere Dürer war ungarischer Herkunft und ist in Nürnberger Dokumenten seit 1455 erwähnt. 1467 heiratete er Barbara, die Tochter des angesehenen Goldschmieds Hieronymus Holper, den Albrecht d. Ä. vermutlich als Geselle kennenlernte. Im Jahr 1468 wurde Dürer zum Meister des Goldschmiedehandwerks und trat auch in die öffentlichen Ämter, die sein Schwiegervater inne hatte, ein. Nur ein paar Goldschmiedestücke seiner Hand sind bekannt; die Zuschreibung des “Schlüsselfelder Schiffs”, eines der bedeutendsten Werke der Nürnberger spätgotischen Goldschmiedekunst, wird mittlerweile abgelehnt (Matthias Mende, in: AKL 2001, S. 294).

Der Urheber des Blattes und seine Datierung sind noch immer umstritten. Das Selbstporträt des Dreizehnjährigen und vorliegende Zeichnung – sie teilen sich Merkmale wie die überaus feinen Linien des zarten Stifts, die zunächst locker skizzierten, dann in ihrer endgültige Form akzentuierten Konturen oder die feine Schraffur, die Licht, Schatten und Plastizität evoziert. Doch im Vergleich zum Bildnis des Kindes wirkt dieses Blatt energischer, mit mehr Nachdruck und Routine ausgeführt. Daher wurde lange und oft angenommen, dass das Porträt des Vaters zwar ein Werk des Sohnes ist, doch ein oder zwei Jahre nach dem Selbstporträt von 1484 geschaffen wurde. Doch besteht heute weitgehend Konsens, dass wir eine der seltenen Zeichnungen des älteren Dürer vor uns haben. Vor allem die versteckte linke Hand, die ja in Wahrheit des Künstlers Rechte ist – also seine zeichnende Hand, die sich im Spiegelbild umkehrt –, ist ein häufiges Merkmal von Selbstporträts. So mag der Vater das Porträt seiner selbst mehr oder weniger kurz nach der Zeichnung des Sohnes und womöglich sogar in künstlerischem Wettbewerb vom Spiegel gezeichnet haben.

Wenn wir der Inschrift einer Kopie des Blattes glauben (ehemals Sammlung Burg Rheinstein), die auf das Jahr 1486 verweist, dann würde der Vater 59 Jahre alt gewesen sein – eine angesichts seiner müden Züge plausible Datierung. Vielleicht aber sollte man die Zeichnung sogar noch enger mit dem Florentiner Porträt des Vaters von 1490 verbinden, denn das gezeichnete Gesicht sieht fast älter aus als das gemalte. Mit beiden Blättern, dem Selbstbildnis des Dreizehnjährigen und dem des Vaters, die (ungeachtet einer Chronologie) als ein Paar konzipiert wurden, haben wir das früheste Manifest für die Sorge, die Dürer seinen Leben lang umtreiben sollte: nämlich sich als eine Autorität in der Kunst wie auch als Kombattant mit anderen Meistern zu stilisieren.

(nach dem Bildtext im Ausstellungskatalog Washington 2013)

Katalogtext

Heinz Widauer (2003)

Einst ist die Zeichnung mit einer Zuschreibung an Israel van Meckenem in die Albertina gelangt. Friedländer hat aufgrund eines überzeugenden Vergleichs mit dem gemalten Porträt des Vaters in den Uffizien den auf der Zeichnung dargestellten Goldschmied als Albrecht Dürer den Älteren identifiziert. Bei der kleinen Figur in der rechten Hand des Porträtierten handelt es sich vermutlich um eine mit einer männlichen Statuette bekrönte Feile oder um einen Stichel. Aus Ungarn stammend, war Albrecht Dürer der Ältere ab 1464 dokumentarisch in Nürnberg fassbar. 1467 heiratete er Barbara, die Tochter des angesehenen Goldschmieds Hieronymus Holper, die er vermutlich während seiner Gesellenzeit in Holpers Werkstatt kennengelernt hatte. 1468 wurde er Goldschmiedemeister und folgte sodann seinem Schwiegervater in all dessen öffentliche Ämter nach. Von seiner Hand sind nur wenige Goldschmiedearbeiten bekannt; zuletzt wurde auch die an ihn erfolgte Zuschreibung des "Schlüsselfelderschen Schiffes", eines prominenten Tafelaufsatzes mit Nürnberger Provenienz, zurückgewiesen. Von der Forschung nicht unumstritten ist heute immer noch die ausführende Hand des Blattes. Während die Wissenschaftler der Albertina, nicht zuletzt ob einer Kopie und der Ähnlichkeit des Blattes mit Dürers "Selbstporträt als 13-Jähriger" (inv. 4839), im Porträt des Vaters traditionell ein nur ein bis zwei Jahre später entstandenes Bildnis von der Hand des jüngeren Dürers vermuten, glaubt die internationale Forschung, dass es sich bei dem Porträt, abgesehen von einem ebenfalls nur zugeschriebenen Blatt mit einem Turnierreiter im Berliner Kupferstichkabinett, um die einzige heute bekannte Zeichnung des älteren Dürer handelt, der sich mittels eines Spiegels im künstlerischen Wettbewerb mit dem Sohn porträtiert hatte. Glaubt man der Bezeichnung auf einer Kopie dieses Blattes in Rheinstein, die das Dürer-Monogramm und die Jahreszahl 1486 trägt, dann wäre der Vater auf der Zeichnung 59 Jahre alt gewesen, was angesichts des von Erfahrung gezeichneten Antlitzes durchaus plausibel wäre. Geht man von Dürer als frühreifem Künstler von genialer Begabung aus, der innerhalb weniger Jahre einen gewaltigen künstlerischen Reifeprozess gegenüber dem 1484 entstandenen Selbstporträt durchlaufen hat, dann wäre die Zuschreibung an den Sohn gerechtfertigt. Das "Selbstbildnis als 13-Jähriger" und diese Zeichnung teilen die zarten Linien, die zunächst die Konturen locker umreißen und in der Folge die endgültige Form mit kräftigerem Stiftauftrag festlegen, sowie die leichten Schraffen, die Licht und Schatten, aber auch Volumen andeuten. Im Vergleich zu Dürers "Selbstportät als 13-Jähriger" ist diese Bildniszeichnung zweifellos entschiedener und nachdrücklicher ausgeführt. Dem spätgotisch anmutenden Selbstbildnis antwortet der seither um nur zwei oder drei Jahre gereifte Dürer mit größerem Verständnis für Plastizität und räumliche Gegebenheiten, was diese Zeichnung der anderen überlegen erscheinen lässt. Möglicherweise war der mittlerweile erfolgte Eintritt in die Werkstatt des Malers Michael Wolgemut für diese rasche Entwicklung verantwortlich.

Online Ressourcen

zur Person (Albrecht Dürer d. Ä.)

zur Person (Albrecht Dürer)

zur Person (Israhel van Meckenem)



Künstler/in
Albrecht Dürer d. Ä. (Ajtós um 1427 - vor dem 20. September 1502 Nürnberg)  

Vormals zugeschrieben an
Albrecht Dürer (Nürnberg 1471 - 1528 Nürnberg)  

Zuschreibung Inventar Herzog Albert
Israhel van Meckenem (um 1440/1445 - 1503 Bocholt)  

Land / Region
Deutschland
Titel
Selbstbildnis Albrecht Dürers des Älteren
Datierung
1486
Objektbezeichnung
Zeichnung
Technik / Bildträger
Silberstift auf weiß grundiertem Papier; spätere Korrektur mit Pinsel am rechten Brustkontur
Maße
28,4 x 21,4 cm
Inventarnummer
4846
Permalink
http://sammlungenonline.albertina.at/?query=Inventarnummer=[4846]&showtype=record

Weitere Informationen

Beschriftungen / Bezeichnung
r.o. von späterer Hand "V"
Stempel / Zeichen
l.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Provenienz
Willibald Imhoff (1519-1580), Nürnberg (wohl Kunstbuch, Verzeichnis 1588, Zeichnung 9: "Ein Contrafait mit einem silbern Griffel."); 1588 an Kaiser Rudolf II. (?); Kaiserliche Schatzkammer; seit 1783 Kaiserliche Hofbibliothek; 1796 an Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Kein Hinweis auf Hofbibliothek im Alten Cahier I)
Katalog / Verzeichnis
, 23; Winkler 3; 1484/4
Literatur
Friedländer 1896, S. 15-19; AK Albertina 1971, Nr. 2; AK Nürnberg 1971, Nr. 81; Kurt Pilz, Der Goldschmied Albrecht Dürer d. Ä., in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, 72, 1985, S. 67-74, bes. S. 74; Koerner 1993, S. 43, 457 (Anm. 35), Abb. 22; Budde 1996, Z/9; AK New York 1997, Nr. 1; AK Berlin 1998, Nr. 1; Mende, in: AKL 2001, S. 294; AK London 2002/03, S. 21, Abb. 2; Eberlein 2003, S. 11; AK Albertina 2003, Nr. 2 (H. Widauer); AK Madrid 2005, S. 82-83, Nr. 2 (H. Widauer); Thürlemann 2008, S. 53, Anm. 1; Suckale 2009, Bd. 1, S. 408, Bd. 2, S. 281-282, Anm. 1079; Wolf 2010, S. 27, 30; AK Nürnberg 2012, S. 103 (D. Hirschfelder), 261 (T. Eser), 266, Nr. 3; Strieder 2012, S. 9-10, 342; AK Washington 2013, S. 48-49, Nr. 2 (Chr. Metzger); Stephan Kemperdick, "Nach mir selbs kunterfet." Bldnisse und Selbstbildnisse, in: AK Dürer. Kunst - Künstler - Kontext, Städel Museum Frankfurt a. M. 2013, S. 93-99

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Beispiel:
Achim Gnann, Leonardo da Vinci: Zwei groteske Köpfe im Profil, Inv. 66, Katalogtext 2008. In: Sammlungen Online http://www.albertina.at/Sammlungenonline (Zugriff/access 28.3.2012)

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