Teiresias erscheint Odysseus beim Totenopfer
Johann Heinrich Füssli d. J.
1780-1785
Rahmenaußenmaß 122,8 × 93,1 × 5,2 cm
Füssli war ein eigenwilliger Zeitgenosse des Neoklassizismus, der im späten 18. Jahrhundert in der Nachfolge #Johann Joachim Winckelmanns das Vorbild der Antike als einen Kosmos von kluger Ausgewogenheit im Rahmen einer schönen, wohltätigen und friedlichen Natur hochhielt. In den literarischen Hauptquellen dieser Ideen, dem altgriechischen Mythos, vor allem in den Erzählungen Homers, erblickte Füssli jedoch primär ein von urtümlich-primitiver Gewalt und respektheischenden Visionen erfülltes Schicksal. Er hatte sich während seines römischen Aufenthaltes 1774 bis 1778, in dem die Konzeption der vorliegenden Zeichnung wurzelt, offenbar genau mit der Tradition des Klassischen auseinandergesetzt. Das war ein Klassizismus, der speziell in Rom eben nicht nur mit großen musealen Antikensammlungen verbunden war, sondern auch mit mächtigen Transformationsprozessen. #Michelangelos pathetische Renaissanceinterpretation gehörte ebenso dazu wie der Illusionismus des Barock.
Füsslis Darstellung aus Homers "Odyssee" erscheint ausgesprochen textgetreu (vgl. Homer, Odyssee XI, 90-98): Kirke hatte Odysseus mit dem Befehl entlassen, vor seiner Heimkehr zum Eingang des Totenreichs am Okeanos zu fahren, um den Seher Teiresias über seine Geschicke zu befragen. Odysseus erreichte die kimmerischen Gestade, wo der Weltstrom Okeanos ins Meer mündet. Die Gegend wird als ein Land ständiger Dunkelheit geschildert. Am Ufer des Okeanos gräbt Odysseus mit seinem Schwert eine Grube, um den Geistern der Toten ein Trankopfer aus Honig, Milch, Wein, Wasser und Blut zu bereiten. Eine große Anzahl von Seelen steigt aus der Unterwelt herauf, auch Odysseus' Mutter. Odysseus verwehrt allen von dem Opfer zu genießen, bevor er Teiresias gesprochen hat: "Aber ich eilt und zog das geschliffene Schwert von der Hüfte, / Setzte mich hin und ließ die Luftgebilde der Toten Sich dem Blute nicht nahn, bevor ich Teiresias fragte." (V. 48-50) "Jetzo kam des alten Thebaiers Teiresias Seele, / Haltend den goldenen Stab [...]. Also sprach er; ich wich und steckte das silberbeschlagene Schwert in die Scheid [...]." (V. 90-98)
Wie ein steinerner Gast, ein Übervater, tritt Teiresias auf. Seine Figur verkörpert statuarische Geschlossenheit, aus der sich die Bewegungen der grimmigen Physiognomie und der nach vorn gestreckten Hand als Zeichen des Sprechens nur äußerst mühsam lösen. Odysseus, der fromme Held, blickt ihm ebenso erwartungs- wie vertrauensvoll entgegen, indem er mit dem Schwert auf das noch warme Opfer weist. Im Hintergrund durchzieht als weißer Nebel der Schwarm der toten Seelen den Raum.
Maren Gröning, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 155.
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