Joseph verkauft Korn in Ägypten
Rembrandt Harmensz. van Rijn
um 1637
Mit der Geschichte von Jakob und Joseph, die im ersten Buch Mose des Alten Testaments beschrieben wird, hat Rembrandt sich in seinen Gemälden, Zeichnungen und Radierungen immer wieder befasst. Im Mittelpunkt stehen bei ihm die emotional wesentlichen Momente, wobei es sich zumeist um die Interaktion zwischen einzelnen Personen handelt; wenn mehrere Personen dargestellt sind, wie in der Zeichnung "Jakob und seine Söhne" (Amsterdam, Rijksmuseum) richtet sich der Fokus auf die psychologische Reaktion einer einzelnen Person.
Auch die hier gezeigte Zeichnung behandelt eine Episode aus der Josephs-Geschichte; die Komposition stammt aber nicht von Rembrandt selbst, sondern wurde nach dem 1612 datierten Gemälde "Joseph verkauft Korn in Ägypten" seines Lehrmeisters #Pieter Lastman kopiert (Dublin, National Gallery of Ireland). Dieser Amsterdamer Historienmaler hatte die Szene als eine dichte Ansammlung von Figuren wiedergegeben, deren komplexe Handlungen sich vor der Kulisse einer historischen Fantasiearchitektur vollziehen. Die Darstellung bezieht sich auf die bei Mose I, 41, 56/57 beschriebene Episode. Nach dem Ende der sieben Jahre des Überflusses brach eine große Hungersnot an und Joseph öffnete seine Speicher, um das von ihm gesammelte Getreide an die Ägypter zu verkaufen. "Auch alle Welt kam nach Ägypten, um bei Joseph Getreide zu kaufen; denn der Hunger wurde immer größer auf der ganzen Erde." Was Rembrandt an dieser komplexen Szene interessierte, in dem sich die Menschen in ihrer Not zusammendrängen, um zur rechts oben situierten Verkaufsstelle zu gelangen, waren nicht die Details. In seiner sehr freien Interpretation des Gemäldes konzentrierte der ehemalige Lastman-Schüler sich vielmehr auf die Menschengruppe als Organismus sowie auf den dynamischen Prozess der Bewegungsabläufe, die er - stark reduzierend - in teils heftigen Strichen der schwarzen Kreide festhielt. Die lineare Erregung steigert sich bis zum Zentrum der Szene hin; diesen heftigen Bewegungen stehen die statischen Elemente der Architektur und der silhouettenhaft hervorgehobenen Repoussoirfigur links emphatisch gegenüber. Bei Rembrandt ragt die oben am Pult stehende Figur des Joseph als Ruhepol der Komposition noch stärker heraus als bei Lastman, indem sie gestreckt wurde. Dieser Eindruck wird durch eine weitere Manipulation verstärkt: Rembrandt setzte die Männergruppe der Verkaufsstelle wesentlich niedriger an als bei Lastman, so dass der stehende Joseph bei ihm alle Figuren überragt.
Rembrandt reduzierte und modifizierte nicht nur, er ergänzte auch. Um den bei ihm größeren Abstand zwischen dem Rundtempel links und dem Pult des Joseph zu überbrücken, ließ er den Architekturhintergrund stufenweise abwärts verlaufen und fügte zwischen Säule und Pult einige Türmchen hinzu. Auch hob er bestimmte Details besonders hervor, wie den Esel links; die Rückenfigur rechts vom Getreide schleppenden Mann im Vordergrund, der zahllose Pentimenti aufweist, tritt - anders als bei Lastman - hell hervor. Durch subtile Nuancen vom tiefsten Schwarz bis zum zartesten Grau schuf Rembrandt eine reiche Skala an Lichtwerten; eine neue Dimension im Vergleich zu Lastman offenbart sich in der Tiefenwirkung sowie in der alles umfassenden Atmosphäre.
In dieser bemerkenswerten Arbeit setzte Rembrandt sich mit seinen inzwischen voll ausgereiften Mitteln der Zeichnung höchst kreativ und eigenständig mit den Kompositionsmethoden seines Lehrmeisters auseinander, wahrscheinlich als Übung für sich selbst, im Hinblick auf seine eigenen Szenen mit vielen Figuren. Mit dem dargestellten Thema hat er sich nicht weiter befasst. Rembrandts Interesse für Lastmans Historienbilder mit Darstellungen von wohlarrangierten Menschenmassen zeigt sich gleichfalls in seiner etwa gleichzeitig entstandenen, in roter Kreide ausgeführten Kopie nach dem 1614 entstandenen Gemälde "Paulus und Barnabas in Lystra". Der heutige Verbleib des Gemäldes ist unbekannt. Die Kopie von Rembrandt befindet sich in Bayonne, Musée Bonnat.
Rembrandt, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Marian Bisanz-Prakken, Wien 2004, Abb 138, S. 290.
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