Der Pfau
Natalia Gontscharowa
1912
Im Jahr 1911 bricht das Künstlerpaar Larionow-Gontscharowa mit allen Traditionen und schlägt einen radikal neuen künstlerischen Weg ein. 1912 gründen die beiden die Avantgardegruppe Eselsschwanz, in der sie eine führende Rolle einnehmen. Es entsteht eine völlig neue Malerei in Abkehr von der naiv-expressiven Kunst des Primitivismus. Diese als Rayonismus bezeichnete dynamische Bildsprache orientiert sich an orphistischen, kubistischen und futuristischen Stilelementen. Die abstrahierte und stilisierte Gestaltung von Gegenständlichem – wie hier eines Pfaus – aus sich überschneidenden, aufgefächerten Farbfeldern und gebündelten Strahlen streicht die Eigengesetzlichkeit der Malerei heraus und leitet über zur absoluten Gegenstandslosigkeit des Konstruktivismus.
In 1911, the couple Mikhail Larionov and Natalia Goncharova entirely broke with tradition and chose a radically new path in the visual arts. In 1912 they founded and played a leading role in an avant-garde group called Donkey’s Tail. Detaching themselves from the naïve and expressive art of Primitivism, they adopted a totally new direction in painting known as Rayonism, a dynamic visual language harking back to Orphist, Cubist, and Futurist elements of style. The artists built their abstracted and stylised renderings of concrete objects – such as the peacock in the present painting – of overlapping and fanned-out fields of colour and bundles of rays. Their approach was meant to underscore the autonomy of painting and paved the way for Constructivism’s entirely non-objective art.
Rahmenaußenmaß (DLR-GE47DL): 188 × 140 cm
1911 brach das Künstlerpaar Larionow und Gontscharowa mit sämtlichen Traditionen, selbst mit denen jüngsten Datums, und gründete im Hinblick auf eine vollständige künstlerische Neuorientierung die Avantgardegruppe Der Eselschwanz. Wer in dieser Gruppe die führende Rolle innehatte, zeigte schon im folgenden Jahr die erste Ausstellung: Es war die 31-jährige Natalia Gontscharowa, die nicht weniger als 75 Werke zeigte. Zu den Exponaten gehörte auch eine 1910-1911 geschaffene Bilderserie, die den seltsamen Titel Malerische Möglichkeiten anhand des Motivs des Pfaus trug. Wie man einer von der Künstlerin selbst erstellten Werkliste entnehmen kann, stellte diese Serie den Versuch dar, den Vogel Pfau in fünfverschiedenen Stilarten darzustellen: Es gab einen Pfau in greller Sonne (ägyptischer Stil), einen Frühlingspfau im Stil russischer Stickereien, einen Weißen Pfau (kubistischer Stil), einen Pfau im Wind (futuristischer Stil) und einen Pfau im chinesischen Stil. Zweifellos kritisierte die Künstlerin mit dieser ungewöhnlichen Darstellungsmethode ironisch das Stilchaos, in das die Moderne zu Beginn des Jahrhunderts geschlittert war. Ebenso klar ist, dass mit dem Motiv des Pfaus - diesem Sinnbild von Stolz und Eitelkeit bestimmte zeitgenössische Künstlerpersönlichkeiten aufs Korn genommen werden sollten. Zur fünfteiligen Bilderserie gehörte ohne Zweifel auch das vorliegende Werk, das rückseitig die absolut glaubwürdige Datierung 1912 trägt.1 Alles weist darauf hin, dass die stark stilisierte Darstellung eines gelben Vogels mit nach links gewendetem Schnabel entweder als der Pfau in greller Sonne (ägyptischer Stil) oder, eher noch, der Pfau im Wind (futuristischer Stil) zu identifizieren ist. Die Auffächerung des Vogelkörpers in fünf flach übereinander liegende, fast identische Teile erinnert jedenfalls stark an die gestalterische Methode, mit der die Futuristen ein Objekt in Bewegung oder im Raum wiederzugeben versuchten.
1 Mary Chamot und nach ihr auch andere Autoren halten eine spätere Entstehungszeit für wahrscheinlicher. Dies würde allerdings bedeuten, dass das vorliegende Werk nicht in die Bilderserie Die Pfauen gehören könnte. - Vgl. Mary Chamot, Nathalie Gontcharova, Paris 1972, S.154, Nr. 61 (datiert 1914).
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 218, Nr. 81.
