Natalia Gontscharowa, Der Pfau, Inv. Nr.: GE47DL
Der Pfau
Natalia Gontscharowa, Der Pfau, Inv. Nr.: GE47DL
Credit: ALBERTINA, Wien - Sammlung Batliner Image: ALBERTINA, Wien

Der Pfau

Natalia Gontscharowa

1912




Im Jahr 1911 bricht das Künstlerpaar Larionow-Gontscharowa mit allen Traditionen und schlägt einen radikal neuen künstlerischen Weg ein. 1912 gründen die beiden die Avantgardegruppe Eselsschwanz, in der sie eine führende Rolle einnehmen. Es entsteht eine völlig neue Malerei in Abkehr von der naiv-expressiven Kunst des Primitivismus. Diese als Rayonismus bezeichnete dynamische Bildsprache orientiert sich an orphistischen, kubistischen und futuristischen Stilelementen. Die abstrahierte und stilisierte Gestaltung von Gegenständlichem – wie hier eines Pfaus – aus sich überschneidenden, aufgefächerten Farbfeldern und gebündelten Strahlen streicht die Eigengesetzlichkeit der Malerei heraus und leitet über zur absoluten Gegenstandslosigkeit des Konstruktivismus.



In 1911, the couple Mikhail Larionov and Natalia Goncharova entirely broke with tradition and chose a radically new path in the visual arts. In 1912 they founded and played a leading role in an avant-garde group called Donkey’s Tail. Detaching themselves from the naïve and expressive art of Primitivism, they adopted a totally new direction in painting known as Rayonism, a dynamic visual language harking back to Orphist, Cubist, and Futurist elements of style. The artists built their abstracted and stylised renderings of concrete objects – such as the peacock in the present painting – of overlapping and fanned-out fields of colour and bundles of rays. Their approach was meant to underscore the autonomy of painting and paved the way for Constructivism’s entirely non-objective art.



Künstler:in (Ladyschino (Tula) 1881 - 1962 Paris)
Date1912
Object TypeGemälde
Object typePainting
Materials / TechniquesÖl auf Leinwand
DimensionsBlatt: 164 × 115 cm
Rahmenaußenmaß (DLR-GE47DL): 188 × 140 cm
CreditALBERTINA, Wien - Sammlung Batliner
Object numberGE47DL
Inscribedverso: "N. Gontscharowa (kyrillisch) / 1912 / "PAONS" / N. Gontcharova / 16 rue Jacques Callot (43 rue de Seine) Paris 8eme"
Signedr.u. "N. Gontcharova"; verso: "N. Gontscharowa (kyrillisch) / 1912 / "PAONS" / N. Gontcharova / 16 rue Jacques Callot (43 rue de Seine) Paris 8eme"
Text

1911 brach das Künstlerpaar Larionow und Gontscharowa mit sämtlichen Traditionen, selbst mit denen jüngsten Datums, und gründete im Hinblick auf eine vollständige künstlerische Neuorientierung die Avantgardegruppe Der Eselschwanz. Wer in dieser Gruppe die führende Rolle innehatte, zeigte schon im folgenden Jahr die erste Ausstellung: Es war die 31-jährige Natalia Gontscharowa, die nicht weniger als 75 Werke zeigte. Zu den Exponaten gehörte auch eine 1910-1911 geschaffene Bilderserie, die den seltsamen Titel Malerische Möglichkeiten anhand des Motivs des Pfaus trug. Wie man einer von der Künstlerin selbst erstellten Werkliste entnehmen kann, stellte diese Serie den Versuch dar, den Vogel Pfau in fünfverschiedenen Stilarten darzustellen: Es gab einen Pfau in greller Sonne (ägyptischer Stil), einen Frühlingspfau im Stil russischer Stickereien, einen Weißen Pfau (kubistischer Stil), einen Pfau im Wind (futuristischer Stil) und einen Pfau im chinesischen Stil. Zweifellos kritisierte die Künstlerin mit dieser ungewöhnlichen Darstellungsmethode ironisch das Stilchaos, in das die Moderne zu Beginn des Jahrhunderts geschlittert war. Ebenso klar ist, dass mit dem Motiv des Pfaus - diesem Sinnbild von Stolz und Eitelkeit bestimmte zeitgenössische Künstlerpersönlichkeiten aufs Korn genommen werden sollten. Zur fünfteiligen Bilderserie gehörte ohne Zweifel auch das vorliegende Werk, das rückseitig die absolut glaubwürdige Datierung 1912 trägt.1 Alles weist darauf hin, dass die stark stilisierte Darstellung eines gelben Vogels mit nach links gewendetem Schnabel entweder als der Pfau in greller Sonne (ägyptischer Stil) oder, eher noch, der Pfau im Wind (futuristischer Stil) zu identifizieren ist. Die Auffächerung des Vogelkörpers in fünf flach übereinander liegende, fast identische Teile erinnert jedenfalls stark an die gestalterische Methode, mit der die Futuristen ein Objekt in Bewegung oder im Raum wiederzugeben versuchten.

1 Mary Chamot und nach ihr auch andere Autoren halten eine spätere Entstehungszeit für wahrscheinlicher. Dies würde allerdings bedeuten, dass das vorliegende Werk nicht in die Bilderserie Die Pfauen gehören könnte. - Vgl. Mary Chamot, Nathalie Gontcharova, Paris 1972, S.154, Nr. 61 (datiert 1914).


zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 218, Nr. 81.

Catalogue raisonné
  • Koella/Billeter 2005, 81
  • Bibliography
  • Eselsschwanz, Ausstellungskatalog, Moskau 1912, Nr. 43
  • Natalia Gontcharova 1910-1913, Moskau 1913, Nr. 565
  • Eli Eganbury, Natalia Gontscharowa/Michail Larionow, Moskau 1913, S. 72
  • Arts Council (Hg.), A Retrospective Exhibition of Paintings and Designs for the Theatre, Larionov and Goncharova, London 1961, Nr. 110, Cover
  • Mary Chamot, Nathalie Gontcharova, Paris 1972, Abb. S. 61
  • Mary Chamot, Gontcharova: Stage Designs and Paintings, London 1979, Abb. S. 79
  • Marina Tsvetaeva, Nathalie Gontcharova - sa vie, son œuvre, Paris 1990, Abb. o.S.
  • R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 218, Nr. 81, Abb. S. 219
  • Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Monet bis Picasso. Die Sammlung Batliner, Albertina, Wien 2007/2008, S. 166, Kat. 100
  • Ausstellungen (laut Koella/Billeter): Gontscharowa, Kunstsalon Bolshaja Dmitrowka-Straße, Moskau 1913, Nr. 488
  • Larionov and Gontcharova, Arts Council, Leeds/Bristol/London 1961, Nr. 110
  • Nathalie Gontcharova, Musée des Beaux-Arts, Lyon 1969, Nr. 33
  • Rétrospective Gontcharova, Maison de la Culture, Bourges 1973, Nr. 41
  • Rétrospective Larionov - Gontcharova, Musée d'Ixelles, Brüssel 1976, Nr. 109
  • Six Femmes-Peintres, Musée préfectural d'Aichi, Nagoya (Wanderausstellung) 1983, Nr. 114
  • Karo Dame - Konstruktive, konktrete und radikale Kunst von Frauen, von 1914 bis heute, Aargauer Kunsthaus, Aarau 1995, o.Nr., Abb. S. 50
  • Das Auge des Sammlers - Monet bis Picasso, Bank Austria Kunstforum Wien, 1998, S. 142, Abb. S. 143, Kat. 39
  • Monet bis Picasso. Die Sammlung Batliner, Albertina, Wien 2007/2008, S. 166, Kat. 100
  • Online resources
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    Last edited01.06.2026