Lucas Cranach d. Ä., Hans Luther (1459-1530), Inv. Nr.: 26156
Hans Luther (1459-1530)
Lucas Cranach d. Ä., Hans Luther (1459-1530), Inv. Nr.: 26156
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Hans Luther (1459-1530)

Lucas Cranach d. Ä.

1527




Künstler:in (Kronach 1472 - 1553 Weimar)
Date1527
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesPinsel, Deckfarben auf ölgetränktem Papier; um die Kopfform herum ausgeschnitten und auf Untersatzpapier geklebt
Dimensionsmax. Höhe x Breite: 19,6 x 18,2 cm;
Blatt: 21,8 x 18,2 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number26156
Markingskein Sammlerstempel
Text

Ernst, fast ein wenig verbittert gibt Lucas Cranach d. Ä. das Antlitz eines greisen Mannes wieder: sein welliges, an der Stirne aber schütteres Haar ergraut, die Epidermis welk und von tiefen Falten durchfurcht, die Brauen griesgrämig zusammengezogen, die Lippen fest und mürrischen Ausdrucks aufeinander gepresst. Der Blick ist mitsamt des ganzen Gesichts nach rechts gerichtet, auf ein uns verborgenes Gegenüber. Mit Bedacht griff der Künstler zu einem intensiv braunen Papier, um den kräftigen Teint des Inkarnats zu verstärken. Wie Cranach dann zwischen dem detailreich gezeigten Gesicht und dem mit nur wenigen Strichen skizziertem Wams differenziert – das zeugt nicht nur von vollendeter Beherrschung der malerischen Mittel, sondern mehr noch von der Einsicht in Nebensächliches und wahrhaft Wichtiges.

Die Studie des misslaunigen Alten diente als Vorlage zum Bildnis des Hans Luther, zu dem sich auf der Wartburg auch das Pendant mit der Gattin Margarethe (1459–1531) erhalten hat – das Ziel des gestrengen Blicks des Mannes. Sie entstand wohl im Jahr 1527, als das Paar seinen damals schon berühmten Sohn Martin in Wittenberg besuchte. Luthers Vater war Bauer und Mineneigner. Die Beziehung zu seinem Sohn war von schweren Konflikten geprägt, insbesondere wegen seiner harten Erziehungsmethoden: von Schlägen wird berichtet, die selbst bei Kleinigkeiten so heftig waren, dass Blut floss. Auch für dessen spätere Karriere konnte sich Hans nicht recht erwärmen. Als der Vater schließlich 1530 stirbt, spricht Martin gefühlsarm davon, dass es schließlich „billig und gottgefällig“ sei, den toten Vater zu betrauern. Für die Nachwelt hat Cranach die oben beschriebenen Züge des Alten ein wenig gemildert, nämlich in der erwähnten gemalten Fassung. Doch offenbart seine Studie den von Distanz, Ablehnung und Defätismus geprägten Charakter des Dargestellten und entpuppt sich zugleich als eine der ganz großen Leistungen der deutschen Porträtkunst, die nicht nur das Sichtbare begreiflich werden lässt, sondern auch das Unsichtbare sichtbar macht.


Christof Metzger, in: Face to Face. Die Kunst des Porträts, Schloss Ambras bei Innsbruck 2014, S. 94, Abb. 2.4.

Lukas Cranachs Heimatstadt Kronach, nach der sich der Künstler benannte, gehörte zum Bereich der sächsischen Herzöge und Kurfürsten. Der Sohn eines Malers war ab 1504/05 bis zu seinem Tod Hofmaler der sächsischen Kurfürsten in Wittenberg und befand sich damit im Zentrum des Protestantismus. Sein Auftraggeber war auch der Schutzherr Martin Luthers. Mit Letzterem verband Cranach eine sehr enge Freundschaft. Luther und Cranach waren einander gegenseitig Taufpaten ihrer Kinder, und der Künstler war darüber hinaus so etwas wie der private Porträtist des Reformators. Zahlreiche Holzschnitte, Kupferstiche und Gemälde, die verschiedene Lebensabschnitte Luthers illustrieren, etwa als Mönch, als Junker Jörg oder in Gegenüberstellung mit seiner Frau Katharina von Bora oder mit Philipp Melanchthon, zeigen die enge Verbundenheit des Theologen mit dem Künstler, der sogar Luthers Eltern porträtiert hat. In der Wartburg-Stiftung in Eisenach befindet sich ein Gemäldepaar mit den Porträts von Luthers Mutter Margarethe und des Vaters Hans Luther. Die beiden Gemälde entstanden 1527.
Die vorliegende Bildniszeichnung des Vaters von Martin Luther steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Porträt Hans Luthers auf der Wartburg. Deutlich geht Cranach hier den Spuren des Alters nach und zeigt die Züge des entbehrungsreichen einfachen Lebens im Gesicht des Bergmannes. Im Gegensatz zu Dürer, der seinen Bildnissen Plastizität und Räumlichkeit abverlangte, zielt Cranachs Porträtzeichnung auf Stofflichkeit und Oberflächenbeschaffenheit. Die lasierend eingesetzte Ölfarbe und der die Falten zeichnende Pinsel schienen ihm dabei die geeignetsten Mittel, um die gegerbte Haut des faltigen, etwas grobschlächtigen Gesichtes zu charakterisieren. Dazu kommt ein starkes psychologisierendes Moment, das Cranach so wunderbar einzufangen gelungen ist. Der Vater Luthers müsste, schließt man von der Porträtzeichnung auf seinen Charakter, ein strenger und vielleicht unduldsamer, aber auch ein rechtschaffener und gottesfürchtiger Mann gewesen sein. Das Porträt steht im Übrigen einer aquarellierten Pinselzeichnung eines Bauern oder Jagdtreibers im Kupferstichkabinett in Basel nahe. Typen dieser Art finden sich auch in Cranachs Jagddarstellungen wieder. Die wiederholte Beschäftigung des Künstlers mit diesem Menschentyp mag ein Indiz sein, dass Cranach über das Porträthafte hinausgehend ein allgemeingültiges Abbild jener Gesellschaftsschicht darstellen wollte, die maßgeblichen Anteil an den sozialen und politischen Umwälzungen am Beginn der Neuzeit hatte und die kirchliche Reformation begleitete.

Heinz Widauer, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 17.


Catalogue raisonné
  • Tietze/Tietze-Conrat 1933, 365
  • Bibliography
  • Benesch 1932, S. 14 f.
  • Rosenberg 1960, S. 29, Nr. 76
  • AK Basel 1974-1976, Bd. 2, Nr. 615
  • AK Albertina/Dresden 1978, S. 128 f., Nr. 123 (V. Birke)
  • Albertina, Meisterzeichnungen: Dürer bis Michelangelo, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.18
  • Heydenreich 2007, S. 302, Abb. 247
  • Schröder 2008, Nr. 17 (H. Widauer)
  • Michael Hofbauer, Cranach. Die Zeichnungen, Berlin 2010, S. 272 f., Kat. Nr. 125.
  • Dürer – Cranach – Holbein. Die Entdeckung des Menschen. Das deutsche Porträt um 1500, Ausstellungskatalog, hg. von S. Haag u. a., Kunsthistorisches Museum, Wien 2011, Nr. 67 (E. Michel)
  • AK Face to Face. Die Kunst des Porträts, Schloss Ambras bei Innsbruck 2014, S. 94, Nr. 2.4 (Christof Metzger)
  • Claus Grimm, Porträtzeichnungen der Cranach-Werkstatt, in: Von Meisterhand. Die Cranach-Sammlung des Musée des Beaux-Arts de Reims, München 2015, S. 44-50, hier S. 45-46 (im Kontext des gemalten Wartburg-Porträts)
  • Christof Metzger, in: Lucas Cranach der Ältere. Meister - Marke - Moderne, Ausst.-Kat. Düsseldorf 2017, München 2017, S. 270, Nr. 168
  • Provenance
  • Sammlung Emanuel Alfred Leopold Franz Erbprinz zu Salm-Salm (1871-1916), Schwiegersohn des Erzherzogs Friedrich
  • 1931 aus Salm'schem Besitz

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    Last edited26.11.2025

    Lucas Cranach d. Ä., Luther als Junker Jörg, Inv. Nr.: DG1929/242
    Lucas Cranach d. Ä.
    1522