Zwei Profile
Fernand Léger
1928
Für Léger ist vor allem Cézanne prägend. Ab 1909 tritt er mit Picasso und Braque in Kontakt. Seine Kunst unterscheidet sich jedoch von deren monochromen kubistischen Arbeiten durch leuchtende Signalfarben.
In Légers Schaffen der Nachkriegsjahre dominiert der Fortschrittsgedanke des Maschinenzeitalters. Parallel zur Verherrlichung der mechanischen Kräfte setzt er sich ab 1919 auch mit der klassischen Tradition auseinander. Die Bildgegenstände sind mit klaren, ordnenden Konturlinien umrissen und wie eigenständige Organismen deutlich voneinander abgesetzt. Sie spiegeln den Wunsch nach Harmonie und Ordnung wider. „Es gibt keine Landschaft mehr, kein Stillleben, kein Gesicht. Es gibt das Bild, den Gegenstand […], den nützlichen, unnützen, schönen Gegenstand“ (Léger 1925). Alle Gegenstände, ob organisch oder anorganisch, sind gleichwertig.
Léger was primarily influenced by Cézanne. In 1909 he came into contact with Picasso and Braque. His art, however, differs from their monochrome Cubist works by its brilliant signal colours.
Léger’s post-war production is dominated by the belief in progress of the machine age. Besides his glorification of mechanical forces, he began developing an interest in the classical tradition in 1919. His objects are outlined by clear, orderly contours and set apart from one another as distinctly autonomous organisms, thereby reflecting a yearning for order and harmony. “There is no longer a landscape, a still life, a face. There is the image, the object […] the useful, useless, beautiful object“ (Léger 1925). For him, all objects, whether organic or inorganic, were equal.
Rahmenaußenmaß 84,5 × 116 × 5,5 cm
1925 hielt Léger in einem nur deutsch überlieferten Manifest mit dem Titel «Sehr aktuell sein» Folgendes fest: «Der Krieg überstürzt das Entstehen einer neuen Welt, die fest, klar und genau ist. - Die Linie, die Ziffer, die Sekunde, der Millimeter, die Präzision: das sind unsere Forderungen. Es gibt keine Landschaft mehr, kein Stilleben, kein Gesicht. Es gibt das Bild, den Gegenstand, das Gegenstands-Bild, den Bild-Gegenstand, den nützlichen, unnützen, schönen Gegenstand.»1 Anders ausgedrückt: Im post-kubistischen Zeitalter gilt für Leger nur die pure Bildwirklichkeit. Alle Gegenstände, ob organisch oder anorganisch, sind gleichwertig. Was sie miteinander verbindet, ist einzig das Gesetz des «multiplikativen Kontrastes».
Diese Doktrin demonstrierte der Maler besonders deutlich an seinem berühmten Bild Mona Lisa mit den Schlüsseln von 1930 (Musée Léger, Biot): «Eines Tages, nachdem ich einen Schlüsselbund gezeichnet hatte», erzählte er später, «fragte ich mich, welches das einem Schlüssel entfernteste Element sei, und ich sagte mir: das ist eine menschliche Gestalt. Ich gehe auf die Straße hinaus und entdecke in einem Schaufenster das Bild der Mona Lisa. So habe ich das Bild Mona Lisa mit Schlüsseln gemacht [... ]. Nie war ein Gegensatz stärker als der zwischen diesem Schlüsselbund und der Mona Lisa.»2
Auch im vorliegenden, zwei Jahre früher entstandenen Gemälde Zwei Profile zeigt sich die Gleichwertigkeit von Organischem und Anorganischem, von natürlich Gewachsenem und künstlich Hergestelltem. Zwei Profilen eines männlichen Kopfes in Schwarz und Weiss stehen mehr oder weniger klar erkennbare tote Gegenstände wie ein Tisch, eine Kommode mit Schubfächern und ein Brettspiel gegenüber sowie, in der Bildmitte, einige locker verteilte Blätter und Früchte, wobei auffällt, dass fast alle diese Dinge nur als Fragmente erscheinen.
Vom vorliegenden Bild gibt es, wie so oft bei Leger, noch eine zweite, etwas kleinere Fassung mit dem Titel Profils noir et blanc, die ebenfalls 1928 entstanden sein soll.3
1 Fernand Leger, Sehr aktuell sein (1925), in: Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1938), hg, von W. Asholt und w. Fähnders, Stuttgart/Weimar 1994, S. 359 f.
2 Zitiert nach dem Ausst.-Kat. Fernand Léger; Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München 1988-1989, Nr. 37.
3 Vgl. Georges Bauquier, Fernand Léger: Catalogue raisonné de l'oeuvre peint, Band I, Paris 1990, Nr. 573.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 190, Nr. 122.
