Albrecht Dürer, Der heilige Eustachius, Inv. Nr.: DG1930/1506
Der heilige Eustachius
Albrecht Dürer, Der heilige Eustachius, Inv. Nr.: DG1930/1506
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Der heilige Eustachius

Albrecht Dürer

um 1501




Der Legende nach verfolgte der römische Feldherr Placidus auf der Jagd einen mächtigen Hirschen. Als er ihn stellte, erschien das Kreuz Christi zwischen den Geweihstangen, und Christus selbst sprach zu ihm. Ergriffen bekannte dieser sich zum Christentum und nahm den Namen Eustachius („der Standfeste“) an. Als Schutzpatron der Jäger genoss Eustachius besondere Popularität. Dürer inszenierte die wunderbare Bekehrung auf der Jagd im Gehölz am Fuße einer Burganlage. Fünf Jagdhunde, ein herrschaftlich geschirrtes Pferd und das zeitgenössische Jagdkostüm weisen den andächtig knienden Jäger als Edelmann aus. Schon im 16. Jahrhundert wollte man daher in dem Bekehrten die Porträtzüge Maximilians erkennen. Schwert und Dolch sind dagegen eher altmodische Waffen, die Dürer als Zitate benutzte, um auf den historischen Hintergrund des Heiligen als römischer Offizier anzuspielen.


Künstler:in (Nürnberg 1471 - 1528 Nürnberg)
Dateum 1501
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesKupferstich;
DimensionsBlatt: 36,8 × 27,1 cm
Platte: 35,9 × 26 cm
Darstellung: 35,7 × 26 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1930/1506
Edition
SignedM.u. Dürer-Monogramm "AD"
WatermarkHohe Krone (vgl. Briquet 4892-4902 [nachgewiesen 1484-1520]; Meder 20 [ab ca. 1495 für Stiche und Holzschnitte verwendet]; Strauss S. 3285 [verwendet ab 1490])
Text

Nach der Legenda aurea verfolgte der römische Feldherr Placidus auf der Jagd einen mächtigen Hirsch. Als er ihn stellte, erschien das Kreuz Christi zwischen den Geweihstangen, und Christus selbst sprach zu dem Römer. Ergriffen bekannte dieser sich daraufhin zum Christentum und nahm den griechischen Namen Eustachius (»der Standfeste«) an. Im späten 15. Jahrhundert genoss Eustachius als einer der Vierzehn Not­helfer und als Schutzpatron der Jäger besondere Popularität.
Dürer inszeniert die wunderbare Bekehrung auf der Jagd in zeit­genössischem Kontext. Schauplatz ist ein licht beholztes Ufer am Fuße einer alpinen Burganlage. Fünf elegante, zur Hirschjagd besonders taug­liche Windspiele und ein herrschaftlich geschirrtes Pferd weisen den an­dächtig knienden Jäger ebenso als Edelmann aus wie das zeitgenössische Jagdkostüm. Detailliert wiedergegeben sind Fellmütze und Handschuhe, das kurze geschlitzte Wams, darüber Hifthornfessel mit Hifthorn und Seil, die engen Beinkleider und die seitlich verschließbaren kniehohen Stulpenstiefel mit den Radsporen, die separat mit Riemen um die Stiefel geschnallt sind. Das Schwert zu anderthalb Hand und der Nierendolch mit Holzgriff und metallener Kappe sind dagegen eher altmodische Waffen, die Dürer als Zitate benutzte, um den Heiligen als archaischen Jagdpatron auszuweisen (freundlicher Hinweis von Dr. Johannes Willers) und auf seinen historischen Hintergrund als Offizier anzuspielen.

Schon im 16. Jahrhundert wollte man in dem Bekehrten die Por­trätzüge Maximilians I. erkennen, der ein leidenschaftlicher Jäger war. Inwieweit diese Zuordnung einen realen Hintergrund hat, ist unge­klärt. Ungeachtet dessen verorten Waffen und Kleidung ebenso wie die Windspiele, zu denen sich eine Studie in Windsor Castle erhalten hat (W. 241), den Eustachius des Kupferstichs im herrschaftlichen Milieu. Hier ist auch der Adressatenkreis anzusiedeln. Schließlich genügte das alle anderen Dürer-Stiche im Format übertreffende Andachtsbild auch technisch höchsten Ansprüchen. Thematisch spannte Dürer den Bogen vom Heiligenbild zum stimmungsvollen Jagderlebnis für den adeligen Jagdfreund. Nach Adam von Bartsch soll Kaiser Rudolf II. (1552–1612) die Druckplatte besessen und ihre Vergoldung veranlasst haben.

Hrsg. Eva Michel und Maria Luise Sternath, Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit, Wien 2012, Abb. 88. S. 312.

Die Legenda Aurea erzählt die Geschichte des römischen Feldherren Placidus, dem auf der Jagd ein Hirsch mit dem Gekreuzigten zwischen den Geweihstangen begegnet. Ergriffen bekehrt der Römer sich zum Christentum und nimmt den Namen Eustachius an. Im späten 15. Jahrhundert genoss der Heilige als Jagdpatron und einer der 14 Nothelfer große Popularität.
Der "Heilige Eustachius" ist der bei weitem größte Kupferstich Dürers. Eine Fülle von Einzelbeobachtungen fügt sich zu einer abwechslungsreich inszenierten Landschaft. Im Vordergrund sind die Jagdbegleiter versammelt: Die edlen Hunde erscheinen in ihren unterschiedlichen Körperhaltungen überzeugend natürlich und organisch glaubwürdig und sind doch in ihrem Nebeneinander aufgereiht, wie auf einer Seite eines Musterbuches. Das gezäumte Pferd ist in denkmalhafter Seitenansicht gegeben. Hier galt Dürers Interesse weniger dem Naturvorbild als der Erprobung idealer Maßverhältnisse. Das Pferd ist erstmals im Stich eine Konstruktionsfigur nach italienischem Ideal, aufbauend auf dem Schema des Quadratnetzes, das Dürer bereits bei dem Wiener Aquarell "Der Reiter" von 1498 (Inv. 3067) erprobte. Dahinter kniet mit erhobenen Händen der Jäger. Er ist einem kapitalen Hirschen zugewandt, der im Hintergrund aus einer Baumgruppe hervorgetreten ist und zwischen seinen Geweihstangen den gekreuzigten Christus trägt. Ein abgestorbener Baum verwehrt jedoch den direkten Blick des Andächtigen auf das Wunder. Die Begegnung ist dadurch als innerliches, geistiges Erlebnis gekennzeichnet.
Wie auf der etwa zeitgleichen Zeichnung der "Maria mit den vielen Tieren" (Inv. 3066) äußert sich die Verehrung Christi in der Verherrlichung der Natur. Von den vielen anzunehmenden Vorlage für diesen Stich hat sich jedoch nur eine Hundestudie (W 241) in Windsor Castle erhalten. Nachzeichnungen aus dem frühen 16. Jahrhundert und das Urteil #Giorgio Vasaris, der in seinen Künstlerviten besonders die verschiedenen Hundeposen lobte, zeigen, wie eindrucksvoll der Kupferstich auf die Zeitgenossen, besonders in Italien, gewirkt haben muss. Auch Dürer selbst schätzte das Blatt als besondere stecherische Leistung und außergewöhnliches Hauptstück: Noch auf seiner Niederländischen Reise, also rund zwanzig Jahre nach dem Erscheinen des Stiches, verschenkte oder verkaufte er den "Eustachium" mindestens sechs Mal.

Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 74, S. 276.

Catalogue raisonné
  • Bartsch VII.73.57
  • Meder 60b
  • Schoch I.32
  • Bibliography
  • Mende u. a. 2000, Nr. 25
  • AK London 2002/03, Nr. 74
  • AK Osnabrück 2003, Nr. 29
  • AK Albertina 2003, Nr. 74 (A. Scherbaum)
  • AK Madrid 2005, S. 150-151, Nr. 27 (A. Scherbaum)
  • AK Albertina 2012, Nr. 88 (A. Scherbaum)
  • AK Nürnberg 2012, S. 161-165 (L. Schmitt), 522 (J. Remond), 523, Nr. 183
  • Schauerte 2012, S. 164
  • AK Washington 2013, S. 130-131, Nr. 35 (A. Scherbaum)
  • AK Albrecht Dürer, Albertina, Wien 2019, S. 449, Kat. 44
  • Provenance
  • Albertina, Altbestand
  • Online resources
    zum Catalogue raisonné

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    Last edited24.06.2026