Albrecht Dürer, Die vier Hexen, Inv. Nr.: DG1930/1526
Die vier Hexen
Albrecht Dürer, Die vier Hexen, Inv. Nr.: DG1930/1526
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Die vier Hexen

Albrecht Dürer

1497




Künstler:in (Nürnberg 1471 - 1528 Nürnberg)
Date1497
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesKupferstich
DimensionsBlatt: 19,4 × 13,6 cm
Einfassungslinie: 19 × 13,2 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1930/1526
Edition
InscribedM.o. ".O.G.H."
SignedM.u. Dürer-Monogramm "AD"; M.o. "1497"
Text

"Die vier Hexen", Dürers erster datierter Kupferstich, war und ist eine beispiellose Provokation: Noch nie war eine Versammlung nackter Frauen im Bild zu sehen gewesen, dazu so prall und packend, zudem ohne ersichtliches Thema. Eine Provokation auch für die Wissenschaft, die bei der Deutung des Blattes nicht viel weiter als #Sandrart gekommen ist. Dieser hatte die alte unsinnige Bestimmung als Darstellung der "Drei Grazien"  verworfen und stattdessen Hexen ins Spiel gebracht. Keiner der vielen späteren Deutungsversuche, sowohl der Szene wie der Inschrift "OGH" in der Kugel an der Decke, kann überzeugen; deren elegantester, die bis auf den Kupferstich #Nicolettos da Modena (um 1500) zurückgehende Entschlüsselung als Parisurteil, leidet an der Abwesenheit des Namen gebenden Helden und der völligen Unvereinbarkeit mit der einschlägigen zeitgenössischen Ikonografie.
Vier nackte Frauen stehen, einander zugewandt, aber ohne Kommunikation, auf seltsam gestuftem Grund in engem Raum; die Stimmung ist unfroh und wortlos, aber keineswegs entsetzt ob der Gegenwart der Teufelsfratze im Höllenfeuer, des Totenkopfs und Knochens am Boden. Die Figuren selbst sind heterogen: Die Linke mit der schlaffen Haltung, dem überlangen Rumpf und der saloppen Beinstellung trägt die Schleierhaube einer bürgerlichen Matrone; die Mittlere mit der prall und fleischig modellierten Kehrseite und dem Blattkranz im Haar zeigt den gezierten Stand, der noch im Berliner Rückenakt von 1506 wiederholt ist (Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Inv. KdZ 15386); die Rechte mit gequält nervösem Gesichtsausdruck und schwungvoll verschleiertem Schoß ist auf antikischen Kontrapost stilisiert; hinter ihr, großenteils verdeckt, eine vierte Frau, erhobenen Hauptes ungerührt in die Ferne schauend; sie und ihre Nachbarin tragen Kopftücher.
Die Verschiedenartigkeit der Körper und Posen, die Dürer durch unterschiedliche Accessoires noch vermehrt, läßt auf je getrennte Studienzusammenhänge schließen (vgl. die Vorformen im "Frauenbad", Bremen, Kunsthalle, Kupferstichkabinett, Inv. Kl. 2), die hier zur Veröffentlichung zusammengeführt sind. Offenbar drängte es den Autor, seine seit Jahren gemachten Studien nackter Frauen zu publizieren, wofür er sich eine tragfähige - notwendigerweise negativ besetzte - Ikonografie schuf, vergleichbar dem "Traum des Doktors" (Inv. DG1930/1527), wo erstmals in der deutschen Kunst, entwickelt aus der rechten "Hexe", eine veritable Venus vorgestellt ist.
Die kunstgeschichtliche Wirkung des Blattes war enorm, Strauss zählt acht Kopien; ferner existieren umdeutende Varianten (Nicoletto da Modena, "Parisurteil", Brüder #Beham, "Vanitasallegorien"). Insbesondere die stupend vitalisierte Hexe a tergo ist mehr oder minder wörtlich oder variiert in ungezählten Rückenfiguren der Epoche präsent, so daß man ihrem Autor mit Fug und Recht die Erfindung des neuzeitlichen Rückenaktes zuerkennen kann.

Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 56, S. 240.

Catalogue raisonné
  • Bartsch VII.89.75
  • Meder 69a
  • Schoch I.17
  • Bibliography
  • Mende u. a. 2000, Nr. 12
  • AK London 2002/03, Nr. 176
  • AK Osnabrück 2003, Nr. 25
  • AK Albertina 2003, Nr. 56 (B. Hinz)
  • AK Madrid 2005, S. 208-209, Nr. 43 (B. Hinz)
  • Vogt 2008, S. 158-160, Nr. 14 (Kopie I. v. Meckenem), 169-170, Nr. 22 (Kopie W. v. Olmütz), 181-183, Nr. 31 (Kopie Monogrammist H mit dem Messer), 368, Nr. 190 (Kopie L. Hopfer)
  • Wolf 2010, S. 117
  • AK Nürnberg 2012, S. 63-64 (B. Böckem), 466 (T. Schaeuerte), 474, Nr. 152
  • Schauerte 2012, S. 77-79, 81
  • AK Washington 2013, S. 104, Nr. 24 (B. Hinz)
  • Thomas Renkl, Vier nackte Frauen? Zum Sichtbaren und zum Nichtsichtbaren in Dürers Kupferstich mit dem Zeichen "O.G.H" und "1497", in: Zeitschrift für Kunstgeschichte, 78, 2015, S. 387-411
  • Beate Böckem, Jacopo de' Barbari, Köln u.a. 2016, S. 115-117, Abb. 43 (im Verhältnis zum Werk De' Barbaris)
  • AK Albrecht Dürer, Albertina, Wien 2019, S. 453, Kat. 85
  • Provenance
  • Pierre-Jean Mariette (1688)
  • Kaiserliche Hofbibliothek
  • Online resources
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    Last edited01.06.2023