Die vier Hexen
Albrecht Dürer
1497
Einfassungslinie: 19 × 13,2 cm
"Die vier Hexen", Dürers erster datierter Kupferstich, war und ist eine beispiellose Provokation: Noch nie war eine Versammlung nackter Frauen im Bild zu sehen gewesen, dazu so prall und packend, zudem ohne ersichtliches Thema. Eine Provokation auch für die Wissenschaft, die bei der Deutung des Blattes nicht viel weiter als #Sandrart gekommen ist. Dieser hatte die alte unsinnige Bestimmung als Darstellung der "Drei Grazien" verworfen und stattdessen Hexen ins Spiel gebracht. Keiner der vielen späteren Deutungsversuche, sowohl der Szene wie der Inschrift "OGH" in der Kugel an der Decke, kann überzeugen; deren elegantester, die bis auf den Kupferstich #Nicolettos da Modena (um 1500) zurückgehende Entschlüsselung als Parisurteil, leidet an der Abwesenheit des Namen gebenden Helden und der völligen Unvereinbarkeit mit der einschlägigen zeitgenössischen Ikonografie.
Vier nackte Frauen stehen, einander zugewandt, aber ohne Kommunikation, auf seltsam gestuftem Grund in engem Raum; die Stimmung ist unfroh und wortlos, aber keineswegs entsetzt ob der Gegenwart der Teufelsfratze im Höllenfeuer, des Totenkopfs und Knochens am Boden. Die Figuren selbst sind heterogen: Die Linke mit der schlaffen Haltung, dem überlangen Rumpf und der saloppen Beinstellung trägt die Schleierhaube einer bürgerlichen Matrone; die Mittlere mit der prall und fleischig modellierten Kehrseite und dem Blattkranz im Haar zeigt den gezierten Stand, der noch im Berliner Rückenakt von 1506 wiederholt ist (Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Inv. KdZ 15386); die Rechte mit gequält nervösem Gesichtsausdruck und schwungvoll verschleiertem Schoß ist auf antikischen Kontrapost stilisiert; hinter ihr, großenteils verdeckt, eine vierte Frau, erhobenen Hauptes ungerührt in die Ferne schauend; sie und ihre Nachbarin tragen Kopftücher.
Die Verschiedenartigkeit der Körper und Posen, die Dürer durch unterschiedliche Accessoires noch vermehrt, läßt auf je getrennte Studienzusammenhänge schließen (vgl. die Vorformen im "Frauenbad", Bremen, Kunsthalle, Kupferstichkabinett, Inv. Kl. 2), die hier zur Veröffentlichung zusammengeführt sind. Offenbar drängte es den Autor, seine seit Jahren gemachten Studien nackter Frauen zu publizieren, wofür er sich eine tragfähige - notwendigerweise negativ besetzte - Ikonografie schuf, vergleichbar dem "Traum des Doktors" (Inv. DG1930/1527), wo erstmals in der deutschen Kunst, entwickelt aus der rechten "Hexe", eine veritable Venus vorgestellt ist.
Die kunstgeschichtliche Wirkung des Blattes war enorm, Strauss zählt acht Kopien; ferner existieren umdeutende Varianten (Nicoletto da Modena, "Parisurteil", Brüder #Beham, "Vanitasallegorien"). Insbesondere die stupend vitalisierte Hexe a tergo ist mehr oder minder wörtlich oder variiert in ungezählten Rückenfiguren der Epoche präsent, so daß man ihrem Autor mit Fug und Recht die Erfindung des neuzeitlichen Rückenaktes zuerkennen kann.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 56, S. 240.
