Der Sündenfall
Hans Baldung gen. Grien
1511
Ein Jahr nach dem faszinierenden Clair-obscur-Holzschnitt Die Hexen kam Baldungs nicht weniger außergewöhnliches Blatt Der Sündenfall an die Öffentlichkeit. In diesem ist bereits eine größere technische Meisterschaft in der Ausführung festzustellen. Die Darstellung ist übersichtlicher aufgebaut, die Figuren setzen sich klarer von der Umgebung ab und zudem ist eine differenziertere Behandlung des Stofflichen zu erkennen. Wie eindrucksvoll unterscheiden sich der geschmeidig-glatte Frauenkörper Evas von der krausen Fülle ihrer hochwirbelnden Haare oder die glatte Schlangenhaut von dem knorrigen Baumstamm. Nur in gegenseitiger Ergänzung von Strich und Tonplatte ergibt sich ein geschlossenes Bild, denn der ausgestreckte rechte Arm des Adam erscheint erst durch das Glanzlicht vollständig, ebenso wie die Profilierung an dem aufgehängten Schrifttäfelchen. Baldung hatte gewiss Dürers im Jahre 1504 entstandenen Kupferstich Adam und Eva (B. 1) vor Augen, als er in der Werkstatt der Nürnberger Meisters tätig war. An diesen erinnern die verdichtete Gestaltung des Hintergrunds und ferner antikische Elemente wie das aufgehängte Täfelchen mit der Aufschrift in antiker Capitalis sowie die Körperhaltung Evas, deren Handgestus bei Baldung von einer venus pudica inspiriert ist. Bei Dürer trennt der Baum jedoch die beiden Stammeltern, während sie bei Baldung in intimer Pose beisammenstehen und ihnen die Schlange von dem nach rechts versetzten Baum entgegenfaucht. Die aufreizende Schönheit der Frauengestalt erinnert dabei weniger an Dürers Eva als an Cranachs Venus in dem 1509 entstandenen Clair-obscur-Holzschnitt (AK Wien 2013, Abb. 8). Zu diesem bestehen enge Bezüge in der technischen Ausführung, was erkennbar wird an der ähnlichen Verteilung der Glanzlichter auf dem Körper oder dem vergleichbaren Verlauf der schwarzen Linien, die sich in den Schattenbereichen verdichten und überkreuzen.
Baldung hebt in seiner Darstellung des Sündenfalls vor allem den lustvoll-erotischen Aspekt hervor, lässt Adam allzu nah bei Eva stehen und gierig an ihre Brust greifen. Das Hasenpaar ist ein Symbol ihrer Unkeuschheit und Fruchtbarkeit, und der klaffende Schlitz in der Rinde des Baumes ist wohl als weitere erotische Anspielung zu verstehen. Evas aufreizende Schönheit verleitet Adam, an die Brust und zugleich an den Apfel zu greifen, beide »Früchte« werden zum Synonym. Wie in einigen mittelalterlichen Sündenfallbildern (vgl. Guldan 1966, S. 56) stellt Baldung die Tragödie als doppelte Versuchung dar: Eva ist einerseits Verführte, das Opfer der Schlange, und andererseits die Verführerin des Mannes. Eine besondere Bedeutung scheint auch der Frucht des verbotenen Baumes zuzukommen, dessen lateinische Bezeichnung malum nicht nur Apfel, sondern auch »das Böse« heißt. Diese Doppeldeutigkeit wurde in der Auslegung der Szene bisweilen zum Anlass für einen Vergleich genommen, dem zufolge der todbringende Baum verderbliche Früchte trug, ebenso wie Eva als Folge des Sündenfalls die Begierde des Fleisches hervorgebracht hat (vgl. Guldan 1966, S. 108, 143). Kein zweiter Künstler seiner Zeit hat den Sündenfall als Konsequenz triebhafter menschlicher Begierden mit derartiger Deutlichkeit dargestellt. Eine eigenhändig signierte und 1510 datierte Federzeichnung in der Hamburger Kunsthalle (Bernhard 1978, Abb. S. 132) zeigt die Gestalt der Eva mit der Schlange in einer Pose, die seitenverkehrt dem Clair-obscur-Holzschnitt ähnelt. Wenngleich Adam nicht zugegen ist, ist es nicht ausgeschlossen, dass Baldung die Zeichnung im Laufe der Vorbereitungen für den Druck geschaffen hat.
Literatur: Seibt 1891, S. 31; Curjel 1923, S. 57; Reichel 1926, S. 54, Taf. 12; Geisberg 1930, Nr. 59; Karlsruhe 1959, II H, Nr. 3; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 2; Strauss 1973, Nr. 33; Mende 1978, Nr. 19; Washington und New Haven 1981, Kat. 19; The Illustrated Bartsch 1981, Bd. 12, S. 13; Hébert 1982, Nr. 1321a; Bartrum 1995, Nr. 58; Freiburg 2001–2002, Kat. 30 (Text v. S. Bock und S. Durian-Ress); Söding 2001– 2002, S. 35f.; Tokio 2005, Kat. 4b; Frankfurt 2007, S. 162ff., Kat. 41
