Selbstbildnis zeichnend beim Fenster
Rembrandt Harmensz. van Rijn
1648
Platte: 16 x 13 cm
Fast ein Dezennium trennt die Radierung "Selbstbildnis mit dem auf gelehnten Arm" von 1639 (Inv. DG1926/22) und das "Selbstbildnis am Fenster - auf einer Radierplatte zeichnend" aus dem Jahre 1648; dazwischen sind, soweit bekannt, keine radierten Selbstporträts entstanden. Der Unterschied zwischen den beiden Darstellungen ist sehr groß. Während Rembrandt 1639 als selbstbewusster Künstler in einer prunkvollen Renaissancekostümierung posiert, durch die seine Ebenbürtigkeit mit den großen Meistern der Vergangenheit demonstriert wird, zeigt er sich hier in schlichter Bekleidung bei der Arbeit. Er trägt ein Hemd, eine Malerjacke und einen zylinderförmigen Hut mit einer schmalen Krempe. Die langen Locken sind einer kurzen Haartracht gewichen, und anstelle des eleganten Spitzbarts sehen wir hier einen einfachen Schnauzer. Anders als in der früheren Radierung, in der sich die Figur prägnant vom hellen, leeren Hintergrund abhebt, wird der Künstler hier von einer räumlichen, weich nuancierten Umgebung aufgenommen. Das Licht fällt durch das Fenster herein, dessen Fläche im hier gezeigten ersten Zustand noch ganz leer ist; es umspielt auf subtile Weise das Gesicht, die Bekleidung sowie weitere Gegenstände und wird von dem Tuch, auf der die Radierplatte ruht, hell reflektiert; unterstützt wird die schräge Arbeitsfläche von zwei übereinander gelagerten Büchern. Im Fokus der Darstellung stehen die Augen, mit denen der Künstler sein Spiegelbild intensiv beobachtet.
Kennzeichnend für den hier gezeigten ersten Zustand der Radierung ist die fast malerische, extrem dunkle Gratwirkung der Kaltnadel, deren Intensität im zweiten Zustand deutlich abgenommen hat. Im zweiten Zustand ist die Radierung um Datum und Signatur sowie weiter ausgearbeitete Umrisse und Details ergänzt worden. Im vierten Zustand fügte Rembrandt in der Fensteröffnung eine Hügellandschaft hinzu. Im Albertina-Exemplar des ersten Zustands ist der weiße Fleck rechts unten - ebenso wie weitere kleine Fehlstellen - vermutlich auf die mangelhafte Einfärbung der Radierplatte zurückzuführen.
Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 54, S. 124.
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