Rembrandt Harmensz. van Rijn, Abraham, die Engel bewirtend, Inv. Nr.: DG1926/40
Abraham, die Engel bewirtend
Rembrandt Harmensz. van Rijn, Abraham, die Engel bewirtend, Inv. Nr.: DG1926/40
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Abraham, die Engel bewirtend

Rembrandt Harmensz. van Rijn

1656




Künstler:in (Leiden 1606 - 1669 Amsterdam)
Date1656
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesRadierung und Kaltnadel; Japanpapier
Dimensions16 x 13 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1926/40
Editioneinziger Zustand
Signedl.u. "Rembrandt. f. 1656"
Text

Ein Jahr nach der Radierung "Abrahams Opfer " (1655, Inv. DG1926/47) widmete Rembrandt sich - wiederum in einer Radierung - der Szene "Abraham bewirtet die Engel". Angesichts der praktisch gleichen Formate dieser beiden Arbeiten wird die Möglichkeit, dass sie als Paar gedacht waren, für durchaus wahrscheinlich gehalten.
Die Darstellung bezieht sich auf das in Genesis 18, 1-33 beschriebene Kapitel "Gott zu Gast bei Abraham". Dieser saß in der Mittagshitze vor seinem Zelt und sah vor sich drei Männer stehen, in denen er Gott und zwei Begleiter erkannte. Er warf sich auf die Erde und bat die Männer, bei ihm zu bleiben, damit sie sich erholen könnten. Er ließ seine Frau Sara Brotfladen backen und nahm ein prächtiges Kalb aus seiner Herde. "Dann nahm Abraham Butter, Milch und das Kalb, das er hatte zubereiten lassen, und setzte es ihnen vor. Er wartete ihnen unter dem Baum auf, während sie aßen. Sie fragten ihn: Wo ist deine Frau Sara? Dort im Zelt, sagte er. Da sprach der Herr: In einem Jahr komme ich wieder zu dir, dann wird deine Frau Sara einen Sohn haben. Sara, die am Zelteingang hinter seinem Rücken zuhörte, lachte still in sich hinein, da sie und Abraham schon alt waren und sie nicht glauben wollte, dass sie das Glück der Liebe erfahren könne. Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und sagt: Soll ich wirklich noch Kinder bekommen, obwohl ich so alt bin? Ist beim Herrn etwas unmöglich?" (Genesis 18, 8-14)
In einer behutsamen, offen strukturierenden Strichführung vernetzt Rembrandt die subtilen psychologischen Momente der Erzählung zu einer alles umfassenden Szene. Die drei auf dem Boden knienden Gestalten bilden gemeinsam mit der Halbfigur des weiter unten stehenden Abraham einen Halbkreis; in ihrer Mitte steht auf einem Teppich die Schüssel mit den Speisen. Diese Runde wird von Gottvater dominiert, der in Gestalt eines weißbärtigen, gütigen Patriarchen mit einer breiten Geste seiner linken Hand - den Becher in der rechten - seine Worte an Abraham richtet. Dieser bringt nicht nur durch seine niedrigere Stellung, sondern auch durch seine vorgebeugte Haltung und seine devote Miene tiefe Ergebenheit seinem Gebieter gegenüber zum Ausdruck. Den rätselhaften Engelsgestalten verlieh Rembrandt ein exotisches Aussehen, wobei der linke vielleicht als Perser und der rechte als Asiate konzipiert wurde. Hinter der halb geöffneten Haustür (an Stelle des in der Bibel beschriebenen Zelteingangs) zeigt sich im Schatten die Gestalt der Sara, die "in sich hineinlacht"; mit der Rückenfigur des bogenschießenden Knaben stellte Rembrandt - in Analogie zur göttlichen Weissagung der Geburt des Sohnes Isaak - Abrahams ältesten Sohn Ismael dar, dem eine Zukunft als Bogenschütze in der Wildnis vorausgesagt worden war. Ismael sollte mit seiner Mutter Hagar verstoßen werden, als Sara ihr Kind erwartete.
Im Arrangement und in den Stellungen der sich miteinander unterhaltenden und speisenden Figuren verbindet sich die Radierung, ebenso wie im exotischen Aussehen der mysteriösen Besucher, mit Rembrandts Zeichnung "Vier Männer unter einem Baum sitzend" (London, The British Museum). Diese entstand wiederum als Kopie nach einer der Mogul-Miniaturen (siehe Inv. 24471), die vermutlich bis 1656 noch in Rembrandts Besitz, bevor alle seine Besitztümer versteigert wurden. Das Motiv der vier sitzenden Männer findet sich auch unter den Mogul-Miniaturen, die im Millionenzimmer des Wiener Schosses Schönbrunn in die Wanddekoration integriert waren (heute in der Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien). Ob Rembrandt seine Kopie nach dieser Miniatur oder nach einer anderen Version desselben Motivs gezeichnet hat, ist nicht sicher. Bemerkenswert ist, dass in der gezeichneten Kopie nach der Mogul-Miniatur der Baum - wie in der Bibelerzählung - eine große Rolle spielt, und dass die Bäume in der Radierung, die das Thema selbst wiedergibt, die Funktion einer weiter entfernten Hintergrundkulisse erfüllen. Dabei erscheint es nicht undenkbar, dass Rembrandt in der gleichmäßig linearen Hintergrundgestaltung der Baumkulisse von den flächig-dekorativen Landschaftsformen der Mogul-Miniaturen inspiriert wurde. 
Wie immer führten diese Inspirationen bei Rembrandt zu einem höchst authentischen, persönlich geprägten Ergebnis, wobei es ihm hier in erster Linie nicht um technische oder gestalterische Virtuosität, sondern um die psychologische Erfassung der komplexen Situation zu gehen schien. In Bezug auf ihre Intimität und gleichmäßige Lichtführung steht diese Radierung dem visionären Helldunkel und dem hohen Emotionsgehalt ihres möglichen Pendants, der anfangs erwähnten  Radierung "Abrahams Opfer" (Inv. DG1926/47) diametral gegenüber.

Rembrandt, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Marian Bisanz-Prakken, Wien 2004, Abb. 112, S. 246.

Catalogue raisonné
  • Bartsch 1797 29
  • Hollstein Dutch & Flemish XVIII.13.B 29
  • White/Boon B 29
  • New Hollstein Dutch & Flemish 295
  • Bibliography
  • AK Albertina 1970/71, Nr. 269
  • AK Albertina 2004, Nr. 112 (M. Bisanz-Prakken)
  • Provenance
  • Hofbibliothek

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/108202/abraham-die-engel-bewirtendImage Request
    Last edited20.11.2024