Die Verkündigung an die Hirten
Rembrandt Harmensz. van Rijn
1634
Als Maler hatte Rembrandt sich bereits mit dem Nachtstück auseinandergesetzt, bevor er sich diesem Thema erstmals im Bereich der Druckgraphik zuwandte. Dies geschah 1634 in der Komposition "Die Verkündigung an die Hirten", einer seiner bravourösesten und bildmäßig vollständigsten Radierungen. Das Hereinbrechen der visionären Lichterscheinung in eine nächtliche "Weltlandschaft" und die aufgeregten Reaktionen der Hirten und der Tiere auf die Verkündigung der himmlischen Botschaft sind die Hauptbestandteile der berühmten Bibelerzählung, die für Rembrandt eine besondere Herausforderung darstellte. Im ersten Zustand der Platte sind die leicht skizzierten Hauptlinien der Komposition sowie die dunklen Flächen des Hintergrundes bereits vorhanden. Durch die Verbindung von Radierung, Kaltnadel und Grabstichel erzielte Rembrandt hier tiefschwarze, samtige Töne. Hell ausgespart sind der sich öffnende Himmel, in dem sich die Umrisslinien der übergroßen Engelgestalt und der kreisenden nackten Engelsfigürchen abzeichnen, sowie die Bodenpartie mit den Hirten und ihrer Herde im Vordergrund. Im zweiten, signierten Zustand, der hier präsentiert wird, erfahren diese hellen Bereiche sehr feine Differenzierungen und Abstufungen in verschiedenen Grautönen. Hell ausgespart bleiben der Kernbereich des geöffneten Lichtkegels, die Engelsgestalt und ein Teil der Bodenzone. Die für Rembrandt ungewöhnlich kleinen Gestalten der Menschen und Tiere werden nicht detailliert beschrieben, sondern als flackernde Helldunkel-Funkelformen wiedergegeben; umso mehr heben sich ihre schreckhaften Bewegungen hervor.
In Rembrandts künstlerischer Entwicklung spielte die "Verkündigung an die Hirten", in der er verschiedene Anregungen aus der älteren niederländischen Druckgraphik sehr eigenständig verarbeitet hat, eine wichtige Rolle. Einen großen Einfluss übten auf ihn die Kupferstiche von #Hendrick Goudt aus, die nach den von #Adam Elsheimer gemalten Nachtstücken entstanden waren. In der Komposition "Christi Himmelfahrt" aus der Passionsserie (1635-1639, Alte Pinakothek, München) schloss er nicht nur in der Nachtthematik, sondern auch in der Komposition an die hier gezeigte Radierung an. Als Druckgrafiker setzte Rembrandt sich in seinen späten Jahren mit erneuter Intensität mit dem Nachtstück auseinander.
Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 66, S. 148.
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