Die Jungfrau mit dem Christuskind, der heiligen Elisabeth und dem Johannesknaben
Marcantonio Raimondi
um 1516-1518
Die so genannte "Madonna mit der Palme" steht in engster Verbindung mit dem Tafelbild der "Madonna del Divino Amore" in Neapel. Wahrscheinlich lag Marcanton eine frühere Entwurfszeichnung Raphaels für das Bild vor. Im Stich legt die heilige Elisabeth noch ihre Hand um Marias Schulter und lässt wie diese ihre Blicke über Christus hinweg zu dem Johannesknaben streifen, der etwas von der Gruppe abgesetzt ist. Kristeller (1907) hat zweifellos Recht, dass die Gruppe weniger geschlossen und intim ist als im Bild. Josef fehlt noch, und links erscheint eine Palme, wie sie Raphael schon der "Heiligen Familie" in Edinburgh (National Gallery) von ca. 1505-1506 hinzugefügt hat. Die weiträumige, durch einen Fluss geteilte Landschaft mit Häusern und Bergen im Hintergrund ist wohl eine Erfindung von Marcanton und greift Motive aus Stichen #Lucas van Leydens auf, wie Shoemaker (1981, S. 176) bemerkt hat.
Man datiert den Stich gewöhnlich in die Zeit nach Raphaels Tod (1520-1525), und in der Tat nimmt die kontrastreiche Wiedergabe Tendenzen von Marcantons Spätstil vorweg. Die Linienführung basiert aber noch weitgehend auf Parallelen, die nur an Rundungen und in Schattenpartien überkreuzt werden. Im Stich "Christus, Maria, Johannes der Täufer und die heiligen Katharina von Alexandrien und Paulus" (Inv. DG1970/330), der in der Zeit um 1520 entstanden sein könnte, sind die Linien viel dichter und lassen die Figuren kompakter erscheinen. Man betrachte etwa die Festigkeit und Rundung der Glieder. Die ausführliche Schilderung der Landschaft widerspricht zudem einer Datierung in die Spätzeit, in der Marcanton diese Details flüchtiger behandelt. Übereinstimmungen finden sich im Stich "Zwei Frauen mit den Sternzeichen Waage und Skorpion" (Inv. DG1971/403). Die Gestaltung der Gewänder, das Absetzten der Körper vom Grund durch einen Lichtstreifen (beim Kreuz des Johannesknaben ist es sogar eine Aureole) und die Form des Bäumchens sind nahezu identisch. Wahrscheinlich entstand der Stich zur Zeit des Tafelbildes oder kurz danach und lässt sich daher um 1516-1518 datieren. Dies legt auch der Vergleich mit den wohl nur wenig späteren Stichen nach den Entwürfen für die Gewölbezwickel in der Loggia di Psiche nahe (Inv. DG1971/352, DG1971/353 und DG1971/354).
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 85, S. 145.
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