Judas Thaddäus
Marcantonio Raimondi
um 1520-1522
Marcanton und Marco Dente da Ravenna stachen jeweils ihre Serie der zwölf Apostel nach den traditionell Raphael zugeschriebenen Rötelzeichnungen, die sich alle in Chatsworth befinden. Die Zeichnungen führen Raphaels Apostelideal der Teppichserie für die Sixtinische Kapelle konsequent weiter. Stärker als bei den Aposteln der Teppichserie wird der individuelle Ausdruck durch die Bewegung und die kunstvolle, dabei zufällig wirkende Anordnung der Kleidung bestimmt. Dies ist etwa bei Thaddäus auf dem Stich zu erkennen, wo durch die hochgerafften Falten des Gewandes der Eindruck des Fortschreitens vermittelt wird. Während Marcantons Stiche in der Richtung mit den Zeichnungen übereinstimmen, gibt sie Marcos Version gegenseitig wieder. Die Stiche Marcantons sind unsigniert, er hat aber die einzelnen Apostel mit ihren Namen in der Aureole bezeichnet. Die Serien waren so beliebt, dass man sie häufig kopierte (AK Città del Vaticano 1984/85, S. 352-354; AK Rom 1985, S. 65-71). Und Bartsch berichtet, dass kaum gute Exemplare von Marcantons Stichen zu finden waren, so oft hatte man sie von derselben Platte gedruckt. Man überarbeitete schließlich diese Platten und versah sie mit Nummern.
Es ist bis heute umstritten, welche der beiden Versionen zuerst entstanden ist. Laut Bartsch stach Marco Dente da Ravenna die Apostelserie nach denselben Zeichnungen Raphaels, die auch Marcanton verwendet hatte. Delaborde (1888, S. 284), Bianchi (1968, S. 673 f.) u. a. hielten Marcos Stiche für Kopien nach Marcantons Serie. Oberhuber (1972, S. 31, Anm. 86; 1984, S. 339) stellte jedoch fest, dass Marcantons Version den Stichen von Marco nachfolgen müsse, da diese die Vorzeichnungen in Chatsworth treuer wiedergeben. Bei Marcanton sind die Brauen des "Thaddäus" gleichförmig gerundet, das Gesicht flächiger, und auch die Verkürzung des Armes mag nicht gelingen. Marcanton gibt den Apostel viel statischer wieder.
Diese feinen Unterschiede lassen sich bei allen anderen Aposteln ebenfalls feststellen. Bei Marcanton ist überall der Ausdruck verflacht und an keiner Stelle ist eine direkte Kenntnis der Entwürfe Raphaels festzustellen. Daraus lässt sich folgern, dass Marcanton Marcos Stiche kopiert hat. Bei Marcanton ist alles Energische, Dynamische, die aus dem inneren strömende Energie abgeschwächt. Die Stiche wirken ungleichmäßig und farblos, und aus diesem Grunde hat man die Zuschreibung bisweilen sogar angezweifelt (Delaborde 1888). Unzweifelhaft für den Stecher spricht jedoch die plastische Auffassung. Marcanton gibt gegenüber Marcos Aposteln die Formen straffer wieder und betont durch Rundungen das Volumen der Gewänder. Im Stil völlig identisch sind zudem Marcantons Serie der Kaiserporträts von ca. 1520 und das zu derselben Zeit gedruckte "Münzporträt Karls V.", in denen die Linien ebenso kraftlos und gleichförmig in breitem Abstand nebeneinanderlaufen. Marcanton hat Marcos Serie der Apostel also sicher erst zur Zeit von Raphaels Tod oder kurz danach kopiert, wie bereits Hirth (1898, S. 40) und Oberhuber (1984, S. 339) vermutet haben.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 20, S. 79-81.
