Marcantonio Raimondi, Judas Thaddäus, Inv. Nr.: DG1970/314
Judas Thaddäus
Marcantonio Raimondi, Judas Thaddäus, Inv. Nr.: DG1970/314
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Judas Thaddäus

Marcantonio Raimondi

um 1520-1522




Künstler:in ((Argini bei Bologna?) um 1480 - 1527/34 Bologna)
Nach (Urbino 1483 - 1520 Rom)
Dateum 1520-1522
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesKupferstich
Dimensions20,5 x 13,4 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1970/314
Text

Marcanton und Marco Dente da Ravenna stachen jeweils ihre Serie der zwölf Apostel nach den traditionell Raphael zugeschriebenen Rötelzeichnungen, die sich alle in Chatsworth befinden. Die Zeichnungen führen Raphaels Apostelideal der Teppichserie für die Sixtinische Kapelle konsequent weiter. Stärker als bei den Aposteln der Teppichserie wird der individuelle Ausdruck durch die Bewegung und die kunstvolle, dabei zufällig wirkende Anordnung der Kleidung bestimmt. Dies ist etwa bei Thaddäus auf dem Stich zu erkennen, wo durch die hochgerafften Falten des Gewandes der Eindruck des Fortschreitens vermittelt wird. Während Marcantons Stiche in der Richtung mit den Zeichnungen übereinstimmen, gibt sie Marcos Version gegenseitig wieder. Die Stiche Marcantons sind unsigniert, er hat aber die einzelnen Apostel mit ihren Namen in der Aureole bezeichnet. Die Serien waren so beliebt, dass man sie häufig kopierte (AK Città del Vaticano 1984/85, S. 352-354; AK Rom 1985, S. 65-71). Und Bartsch berichtet, dass kaum gute Exemplare von Marcantons Stichen zu finden waren, so oft hatte man sie von derselben Platte gedruckt. Man überarbeitete schließlich diese Platten und versah sie mit Nummern.
Es ist bis heute umstritten, welche der beiden Versionen zuerst entstanden ist. Laut Bartsch stach Marco Dente da Ravenna die Apostelserie nach denselben Zeichnungen Raphaels, die auch Marcanton verwendet hatte. Delaborde (1888, S. 284), Bianchi (1968, S. 673 f.) u. a. hielten Marcos Stiche für Kopien nach Marcantons Serie. Oberhuber (1972, S. 31, Anm. 86; 1984, S. 339) stellte jedoch fest, dass Marcantons Version den Stichen von Marco nachfolgen müsse, da diese die Vorzeichnungen in Chatsworth treuer wiedergeben. Bei Marcanton sind die Brauen des "Thaddäus" gleichförmig gerundet, das Gesicht flächiger, und auch die Verkürzung des Armes mag nicht gelingen. Marcanton gibt den Apostel viel statischer wieder.
Diese feinen Unterschiede lassen sich bei allen anderen Aposteln ebenfalls feststellen. Bei Marcanton ist überall der Ausdruck verflacht und an keiner Stelle ist eine direkte Kenntnis der Entwürfe Raphaels festzustellen. Daraus lässt sich folgern, dass Marcanton Marcos Stiche kopiert hat. Bei Marcanton ist alles Energische, Dynamische, die aus dem inneren strömende Energie abgeschwächt. Die Stiche wirken ungleichmäßig und farblos, und aus diesem Grunde hat man die Zuschreibung bisweilen sogar angezweifelt (Delaborde 1888). Unzweifelhaft für den Stecher spricht jedoch die plastische Auffassung. Marcanton gibt gegenüber Marcos Aposteln die Formen straffer wieder und betont durch Rundungen das Volumen der Gewänder. Im Stil völlig identisch sind zudem Marcantons Serie der Kaiserporträts von ca. 1520 und das zu derselben Zeit gedruckte "Münzporträt Karls V.", in denen die Linien ebenso kraftlos und gleichförmig in breitem Abstand nebeneinanderlaufen. Marcanton hat Marcos Serie der Apostel also sicher erst zur Zeit von Raphaels Tod oder kurz danach kopiert, wie bereits Hirth (1898, S. 40) und Oberhuber (1984, S. 339) vermutet haben.

Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 20, S. 79-81.

Catalogue raisonné
  • Bartsch 1803-1821, 14, S. 76, 74 I
  • Passavant 1860-1864, 6, S. 16, 37
  • Le Blanc, 3, S. 275, 72
  • TIB 26.102.74 (76)
  • Bibliography
  • Delaborde 1888, S. 283, Nr. 15
  • Hirth 1898, S. 40
  • Bianchi 1968, S. 673 f., 686, Anm. 235
  • AK Città del Vaticano 1984/85, S. 352-354, (R. Harprath)
  • AK Rom 1985, S. 66, Nr. 11 (S. Massari)
  • Ferino Pagden 1989, S. 250
  • Landau/Parshall 1994, S. 139-141
  • AK Mantua/Albertina 1999, Nr. 20 (A. Gnann)
  • Provenance
  • Albertina, Altbestand

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/124259/judas-thaddausImage Request
    Last edited24.05.2024

    Marcantonio Raimondi, Judas Thaddäus, Inv. Nr.: DG1970/354
    Marcantonio Raimondi
    um 1510 - 1520
    Meister der Berliner Passion, Judas Thaddäus, Inv. Nr.: DG1926/871
    Meister der Berliner Passion
    1450-1470
    Meister der Berliner Passion, Judas Thaddäus, Inv. Nr.: DG1926/872
    Meister der Berliner Passion
    1450-1470
    Lucas Hugensz. van Leyden, Judas Thaddäus, Inv. Nr.: DG1926/1990
    Lucas Hugensz. van Leyden
    um 1510
    Apostel Judas Thaddäus, Inv. Nr.: DG74417
    Hendrick Goltzius
    1589
    Judas Thaddäus, Inv. Nr.: DG2017/3/7057
    Marco Dente
    1517-1527
    Lucas Cranach d. Ä., Der Apostel Judas Thaddäus, Inv. Nr.: DG1929/204
    Lucas Cranach d. Ä.
    um 1515
    Lucas Cranach d. Ä., Der Apostel Judas Thaddäus, Inv. Nr.: DG1929/218
    Lucas Cranach d. Ä.
    um 1515
    Lucas Cranach d. Ä., Der Apostel Judas Thaddäus, Inv. Nr.: DG1929/232
    Lucas Cranach d. Ä.
    um 1515