Christus, Maria, Johannes der Täufer und die heiligen Katharina von Alexandrien und Paulus
Marcantonio Raimondi
um 1520
Bei der Aufzählung der Werke Marcantons, denen Entwürfe Raphaels vorlagen, lobt Vasari ausdrücklich dieses Blatt "mit Christus nebst der Madonna im Himmel, Sankt Johannes den Täufer, der knienden Katharina und einem stehenden Apostel Paulus: ein großer und herrlicher Stich." Die maßgleiche und gleichseitige Vorzeichnung dazu befindet sich im Louvre mit einer traditionellen Zuschreibung an Raphael (Cordellier/Py 1992, S. 526-529, Nr. 901; eine Kopie von #Andrea Boscoli danach wurde bei Christie´s, London, 2. Juli 1996, Nr. 99, versteigert). Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Blatt jedoch der Schule oder dem Umkreis gegeben (vgl. Fischel 1898, S. 146, Nr. 361), während es spätere Autoren spezifischer mit #Giulio Romano (Hartt 1958, Bd. 1, S. 21, Nr. 6, Bd. 2, Abb. 1; Oberhuber 1983, S. 142, Abb. 151) oder #Giovanni Francesco Penni (Joannides 1983, Nr. 457) in Verbindung gebracht haben. Oberhuber glaubt nun (Cordellier/Py 1992, S. 528; Oberhuber 1998, S. 260), dass der Modello von Raphael selbst stammt. Zur Figur des Christus in der Gloriole hat sich eine Zeichnung in schwarzer Kreide im Getty Museum in Malibu erhalten (Knab/Mitsch/Oberhuber 1983, Nr. 618), die allgemein als Werk Raphael akzeptiert ist. Nach dem äußerst schlecht erhaltenen Modello im Louvre ist zudem Giulios Tafelbild in der Pinacoteca Nazionale in Parma entstanden. Giulio hat die Heiligen Paulus und Katharina näher an die Deesis gerückt und beide Zonen durch eine Engelschar in den Wolken eng verknüpft. Dadurch ging die gesamte Tiefenwirkung, die von der lichtumstrahlten himmlischen Erscheinung ausgeht, verloren. Giulios Christus ist völlig frontal wiedergegeben, und alle Figuren wirken starrer und setzen sich scharf von dem Umraum ab. Gerade auch auf Marcantons Stich ist zu erkennen, wie frei im Raum sich der heilige Paulus bewegt, wie das Licht, das auf das Gewand und auf den Boden fällt, sein würdevolles Schreiten hervorhebt und sein Schatten in die Tiefe gleitet und ihn zugleich mit der heiligen Katharina verbindet. Jede Figur ist im höchsten Maße individuell und zugleich eingebunden in die vom göttlichen Licht durchdrungene Atmosphäre. Katharinas geschwungene Körperformen lenken den Blick auf Maria, zu der sie hinaufsieht. Christus sitzt erhöht zwischen Maria und dem Täufer, so dass ein leichter Bogen über ihre Köpfe läuft. Eine zweite Schrägachse verbindet Paulus mit Christus und Johannes, deren Blicke ebenfalls nach außen gewendet sind. Paulus stützt zudem die obere Zone, was aber durch das Wegschreiten verschleiert wird.
Marcanton hat durch ein extrem dichtes Liniensystem der Komposition eine sehr malerische Wirkung gegeben. Wie auf dem Modello ist das von links einfallende Licht stärker und lässt gerade die Oberfläche der Gewänder in vielfältigem Glanz erstrahlen. Die Übergänge von den hellsten Partien zu der dunklen Wolkengruppe sind fließend, und daher fügen sich auch die kräftiger modellierten Körper von Christus und dem Täufer völlig in den Raum ein. Es gelingt Marcanton, durch das volle Licht, das über Paulus am Boden entlang zu Katharina streift und von den geschwungenen Schatten am Boden begleitet wird, die Einheit der unteren Zone darzustellen. Freilich vermag er der Wolkenzone nicht die Tiefe wie im Modello zu geben. Von dem Baum, den auch Giulio in seinem Bild rechts einfügt, ist in Raphaels Modello eigenartigerweise nichts zu sehen. Marcanton sucht weniger, den Figuren Plastizität und Rundung zu geben und die Bewegungen in die Tiefe gleiten zu lassen, sondern konzentriert sich mehr auf die Wiedergabe der Körperoberfläche. Raphaels Entwurf lässt sich wohl in die späteste Zeit - um 1518-1520 - datieren, zumal die Armhaltung des Christus in der Glorie ganz ähnlich in der "Transfiguration" wiederkehrt (Hirth 1898, S. 37). Marcantons Stich könnte daher in der Zeit um 1520 entstanden sein. Den dynamischen und schwungvollen Figurenstil der heiligen Katharina hat vor allem Raphaels Schüler Giulio Romano später weiterentwickelt. Auf dem Bild mit "Noli me tangere" in Prado (Ferino Pagden 1989, S. 85, Abb. S. 82), das von ihm entworfen wurde, kehrt Magdalena in derselben Bewegung wieder.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 182, S. 258.
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