Pan und Syrinx
Marcantonio Raimondi
um 1516-1518
Dollmayr (1890, S. 278) hat hinsichtlich des Ausmalungsprogramms der Stufetta des #Kardinals Bernardo Dovizi da Bibbiena zwei Gruppen unterschieden. Die Venus-Darstellungen setzen sich von zwei Bildern an der Fensterwand (Westen), in denen Pan erscheint, ab. Das zweite Bild mit dem Kampf zwischen Pan und Amor ist allerdings zerstört und nur durch Stiche überliefert (AK Rom 1985, S. 63, Nr. VIII 4). Marcantons Stich, in dem Pan hinter einem Gebüsch versteckt ist und Syrinx lustvoll zu berühren sucht, die arglos ihre langen blonden Haare kämmt, basiert auch in diesem Fall nicht auf dem Fresko (Redig de Campos 1983, Fig. 14). Als Vorlage diente die nun Raphael zugeschriebene Zeichnung im Louvre, die der Stich seitenverkehrt wiedergibt. Allerdings ist das rechte Bein der Syrinx weniger verkürzt und die Fältelung des Tuchs weicht geringfügig ab. Die Figuren sind subtil modelliert, ein weiches Licht streift über die Glieder und macht sie rund und beweglich. Bei Pan hinterlässt sogar das bewegte Blattwerk seine Schatten auf dem Körper. Syrinx wendet dabei nicht ohne ein Lächeln leicht ihren Kopf, da sie ein Rascheln hinter sich vernommen hat. Diese intime Stimmung haben die Schülerhände im Fresko nicht wiederzugeben vermocht. Wie in den anderen Stichen ist die Landschaft frei hinzugefügt, die sich an Motiven von #Dürer ("Adam und Eva"; Bartsch 1803-1821, 7, S. 30, Nr. 1) und möglicherweise auch von #Lucas von Leyden ("Heiliger Christopher", Bartsch 1803-1821, 7, S. 395, Nr. 108), zu orientieren scheint.
"Pan und Syrinx" war traditionell Marcanton zugeschrieben, doch Davidson (1954, S. 220) dachte an #Marco Dente da Ravenna oder #Agostino Veneziano. Für Becatti (1968), Shoemaker (1981) und Massari (1985) ist der Stich von Marco Dente. Harprath (1984) und Cordellier und Py (1992) wollten sich nicht zwischen Marcanton und Marco festlegen.
In der Tat ist die Vegetation mit der auf Marcos "Venus, die sich ein Dorn aus dem Fuß zieht" (Bartsch 1803-1821, 14, S. 241 f., Nr. 321) zu vergleichen, und der Hintergrund mit dem schematisch dargestellten Wasserspiegel und dem hellen Berg erinnert an "Venus Anadyomene" (Bartsch 1803-1821, 14, S. 243 f., Nr. 323). Die Wiedergabe der Figuren unterscheidet sich aber von "Pan und Syrinx". Marco konzentriert sich vor allem auf die Oberfläche des Körpers, auf der sich Licht und Schatten gleichmäßig verteilen. Primär dominant sind die optischen Erscheinungen, wodurch die Räumlichkeit der Bewegung in den Hintergrund rückt. Bei "Venus Anadyomene" werden die Linien, die ihren Körper modellieren vom Umriss überschnitten, wodurch die Figur zur Silhouette wird. Bei "Pan und Syrinx" umrunden dagegen die Linien die Glieder und lassen sie dadurch raumhaft erscheinen. An keiner Stelle bestimmt der Umriss Form und Bewegung wie dies selbst bei Marcos "Amor und Venus auf Delphinen" (Bartsch 1803-1821, 14, S. 244, Nr. 324) der Fall ist. Schließlich sind die Bewegungen geschmeidiger und die Verkürzungen überzeugender als auf Marcos Stichen dieser Serie. Die etwas spröde Wiedergabe der Landschaft ist vielleicht dadurch zu erklären, dass sich Marcanton an Marcos Stechmanier anlehnte, um eine größtmögliche Einheitlichkeit der Serie zu erzielen.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 48, S. 109.
