Amor und die drei Dienerinnen
Marcantonio Raimondi
um 1517-1519
Die Marcantonio Raimondi zugeschriebenen Stiche (Inv. DG1971/352, DG1971/353, DG1971/354) stehen mit drei Darstellungen in Zusammenhang, die Raphael und seine Werkstatt in den Gewölbezwickeln der Loggia di Psiche gemalt haben. Zu zwei weiteren Stichen nach Zwickelbildern haben sich Vorzeichnungen in Rötel erhalten: "Venus sucht Rat bei Juno und Ceres" von #Marco Dente und "Merkur trägt Psyche in den Olymp" von #Gian Giacomo Caraglio (Bartsch 1803-1821, 14, S. 247 f., Nr. 327; S. 86 f., Nr. 50). Es wird allgemein angenommen, dass Marcanton ebenfalls Zeichnungen zu den Stichen vorlagen, doch Oberhuber hat vermutet, dass sie auch direkt nach den Fresken entstanden sein könnten. Wenngleich er diese Ansicht später revidiert hat, so ist es doch angebracht, auf diese Problematik etwas näher einzugehen. Im Gegensatz zu den Stichen von Marco Dente und Caraglio beabsichtigt Marcanton, tatsächlich vorhandene Malereien an einem Gewölbe unter Einbeziehung der architektonischen Struktur wiederzugeben. Gegenüber den realen Verhältnissen in der Loggia sind die Zwickelfelder allerdings unten kürzer und schließen oben kreisförmig ab, die Festons sind durch Gesimse ersetzt, und die Malereien in den Stichkappen fehlen. Die Stiche geben die Kompositionen von einem sehr hohen Betrachterstandpunkt wieder. An einigen Stellen sind die Figuren sogar weniger verkürzt wiedergeben als im Fresko. Man kann dies am Kopf des Rückenaktes rechts neben Amor feststellen. Der Ausdruck in den Gesichtern, die Muskulatur und Modellierung der Körper sowie die Fältelung der Draperien zeigen ebenfalls Abweichungen. All dies kann aber Handschrift des Stechers sein und widerspricht nicht einer Entstehung nach den Fresken. Die Existenz von Vorzeichnungen kann aber aufgrund einiger entscheidender Abweichungen von den ausgeführten Bildern kaum in Frage gestellt werden. Im Fresko "Amor und drei Dienerinnen" sind die Unterschiede bei der Frau rechts am auffälligsten, die sich weiter nach vorne neigt, und auch der linke Arm des Rückenaktes ist gänzlich anders gedreht.
Aufgrund der hohen Qualität der Figurenbildung in allen drei Stichen nimmt man zu Recht an, dass Vorzeichnungen von Raphael existiert haben. Die Gewölbestruktur fügte Marcanton vermutlich selbst hinzu. Die Figuren setzen sich mit äußerstem Kontrast vor dem hellen Grund ab, wobei das Helldunkel eine geradezu aggressive Wirkung erhält. In den Schatten ist die Spannung und Verdichtung der Linien am höchsten. Im Wechsel mit den hellen Partien erhalten die Figuren dann eine metallartig glänzende Oberfläche. Die Tendenzen von Marcantons Spätstil nach Raphaels Tod kündigen sich hier bereits an, in denen die Figuren aber noch skulpturaler und starrer empfunden sind. Die Stiche entstanden wohl zu der Zeit, als man an der Dekoration des Gewölbes arbeitete, möglicherweise zwischen 1517 und 1519.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 77, S. 134.
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