Marcantonio Raimondi, Martyrium des heiligen Laurentius, Inv. Nr.: DG1970/325
Martyrium des heiligen Laurentius
Marcantonio Raimondi, Martyrium des heiligen Laurentius, Inv. Nr.: DG1970/325
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Martyrium des heiligen Laurentius

Marcantonio Raimondi

um 1525




Künstler:in ((Argini bei Bologna?) um 1480 - 1527/34 Bologna)
Nach (Florenz 1493 - 1560 Florenz)
Dateum 1525
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesKupferstich; 1. Zustand
Dimensions43,8 x 57,6 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1970/325
Inscribed"P. Mariette 1688" (in Rötel)
Signedl.u. Monogramm "MAF" (Ligatur); auf der Tafel daneben: "BACCIUS / BRANDIN / INVEN."
Text

Das "Martyrium des heiligen Laurentius" ist der größte und bedeutendste Stich, den Marcanton nach dem Tode #Raphaels geschaffen hat. Ausgestellt ist hier der erste Zustand, bevor die Gabel in der rechten Hand des Schergen ausgelöscht und der Stil der anderen Gabel, mit der er den Heiligen niederdrückt, verlängert wurde. Der Stich geht auf den Entwurf von Baccio Bandinelli zurück, der 1525 im Auftrag #Papst Clemens VII. die Seitenwände der Chorkapelle von San Lorenzo in Florenz mit dem "Martyrium der heiligen Cosmas und Damian" und dem "Martyrium des heiligen Laurentius" in Fresko bemalen sollte, nachdem er seine Laokoonkopie vollendet hatte. Nach Vasari (Bd. VI, S. 147) gefiel dem Papst die Erfindung so gut, dass er sie von Marcanton stechen ließ und Bandinelli zum Cavaliere von Sankt Peter ernannte. Marcanton hatte das Blatt begonnen, noch bevor er wegen der Publikation der "Modi", der Stichserie mit Liebesstellungen nach Entwürfen #Giulio Romanos, eingesperrt wurde. Er vollendete es, nachdem er durch Vermittlung von Bandinelli und #Pietro Aretino 1525 freigelassen wurde. Gegenüber Bandinellis hochbewegtem "Bethlehemitischen Kindermord", den #Marco Dente gestochen hat, ist eine bewusste Rückwendung zu klassischen Vorbildern zu erkennen, die sich in der strengeren Figurenauffassung, in der symmetrischen Anlage und in der hierarchischen Dreiteilung äußert. Der Marterszene wird die untere Zone, dem versammelten Senat um den #Kaiser Decius die logenartige Einbuchtung in der Mitte und den Zuschauern das oberen Stockwerk des Gebäudes zugewiesen. Die obere Zone greift unverkennbar auf Raphaels "Schule von Athen" zurück, während Bandinelli im unteren Bereich Figurenbewegungen Raphaels mit dem muskulösen Körperideal #Michelangelos zu verbinden scheint. So dürfte für den Heiligen spiegelverkehrt Michelangelos Adam in der Erschaffungsszene an der Sixtinischen Decke als Vorbild gedient haben. Die kräftige Rustizierung an den beiden seitlichen Eingangsbögen könnte dabei von Architekturen Giulio Romanos (Ciardi Duprè 1966, S. 157), wie dem Palazzo Adimari Salviati angeregt sein (Abb. bei Frommel 1989, S. 110; Gaston 1974, S. 362) betrachtete das Gebäude als Rekonstruktion der antiken "thermae Olympiadis" in denen der Heilige nach der "Passio S. Laurentii" gestorben sein soll. Zu dem Stich haben sich verschiedene Entwürfe (Davidson 1961, S. 6, Anm. 6; Ciardi Duprè 1966, Abb. 13-15; AK Providence 1973, S. 91 f.) sowie die seitengleiche und in den Maßen übereinstimmende Rötelvorzeichnung in München erhalten. Nach Vasari (Bd. V, S. 418 - 419) beklagte sich Bandinelli bei Clemens VII., dass Marcanton bei der Ausführung viele Irrtümer begangen habe, worauf der Papst bei einem Vergleich feststellte, dass der Stecher diesen nicht nur tadellos ausgeführt, sondern sogar viele Fehler Bandinellis ausgebessert hatte. Wie Harprath bemerkt hat, mag u. a. die vom Stecher frei hinzugefügte zweite Gabel in der rechten Hand des Schergen links neben dem Heiligen, Anlass zum Streit geboten haben. In seinem "Memoriale" erwähnt Bandinelli zudem, dass die Bezeichnung "BRANDIN" auf dem Stich zu einer falschen Auflösung seines Namens geführt habe (Barocchi 1973, Bd. 2, S. 1395 f.). Sicherlich missfiel dem Bildhauer, dass Marcanton auf dem Stich die Bewegungen geschmeidiger, die Muskulatur glatter und gerundeter wiedergegeben und auch die expressiven Gesichtszüge einem raphaelischen Figurenideal angepasst hat. Das Helldunkel schließt die Gestalten auch einheitlicher zusammen und lässt die Handlungen leichter ineinander gleiten. Zugleich wirkt Bandinellis Komposition auf dem Stich ungleich flächiger, da Marcanton die Raumwirkung an vielen Stellen verändert hat. So wird durch das Höhersetzen der hinteren Figurenreihe die Verkürzung der Loge abgeschwächt, und Marcanton verschattet zudem den gesamten Sockel in der Mitte, vor dem sich der Körper des Heiligen wie eine Silhouette abzeichnet. Sein Haupt scheint nahezu an die Figur rechts neben dem Kaiser Decius anzustoßen, während Bandinelli seine Bewegung ungleich raumhafter wiedergibt.
Dennoch lässt sich etwa gegenüber Marcantons Stich mit dem "Gastmahl im Hause Simons des Pharisäers" (Inv. DG1970/275), in dem die Figuren durch das streifende Licht reliefartig zusammengefasst werden, bemerken, wie im "Martyrium des heiligen Laurentius" die einzelnen Gestalten kraftvoll und mit Entschiedenheit hervortreten, und sich nun ungezwungen um die eigene Körperachse zu drehen vermögen.
Das dichte und komplex ineinandergreifende Liniensystem erzeugt eine Fülle an Tonabstufungen, die eine subtile Modellierung ermöglicht und dadurch den Körpern größtmögliche Individualität verleiht. Marcantons harte und durch scharfe Helldunkelkontraste geprägte Stichmanier zu Beginn der zwanziger Jahre, die seinen Figuren eine skulpturale Starre verlieh, ist vollkommen aufgegeben. Daran ist zu erkennen, dass er auch nach Raphaels Tod an der Verfeinerung und Vervollkommnung seiner Technik gearbeitet hat.
Marcantons Stich wurde häufig kopiert und hatte größte künstlerische Wirkung (Ciardi Duprè 1966, S. 169, Anm. 33). Er diente etwa #Bronzinos Fresko in San Lorenzo in Florenz als Vorbild (Emiliani 1960, Taf. 97), während die Gestalt des Heiligen auf dem Rost Anregung zu #Gian Lorenzo Berninis Marmorskulptur in Florenz (Sammlung Contini Bonacossi, Palazzo Pitti; Wittkower 1966, Abb. 4) gegeben haben könnte.
Eine Kopie, auf der einzelne Figuren der Szene vereint sind und eine andere nach dem Knienden links vom Rost des heiligen Laurentius befinden sich im Louvre (Inv. Nr. 167 und 183).

Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 269, S. 358-359.

Catalogue raisonné
  • Bartsch 1803-1821, 14, S. 89-94, 104-I
  • Passavant 1860-1864, 6, S. 17, 46, Le Blanc, 3, S. 275, 50
  • TIB 26.135.104-I (89)
  • Bibliography
  • Vasari, Bd. V, S. 418 f., Bd. VI, S. 146
  • Delaborde 1888, S. 52 f., 134 f., Nr. 85
  • Hirth 1898, S. 40
  • Kristeller 1907
  • Pittaluga 1930, S. 156
  • Davidson 1961
  • Ciardi Dupré 1966, Abb. 16 und S. 154 ff.
  • AK Albertina 1966, S. 101 f., Nr. 142
  • AK Providence 1973, S. 90-92, Nr. 98 (J. R. Benton)
  • Gaston 1974, S. 361 f., Taf. 79b
  • Smith 1978
  • Ward 1982, S. 319 f. (unter Nr. 249)
  • AK Los Angeles 1988/89, S. 114 f., Nr. 38
  • Cox-Rearick 1989, S. 43
  • AK Mantua/Albertina 1999, Nr. 269 (A. Gnann)
  • Provenance
  • Kaiserliche Hofbibliothek

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/124923/martyrium-des-heiligen-laurentiusImage Request
    Last edited13.10.2025