Porträt einer Dame mit Ohrringen, Perlenkette und blauem Samtkleid
Nicolas Lagneau
Lagneau, möglicherweise identisch mit Nicolas Lagneau[1], gehört zu den späten Vertretern des Crayonporträts, einer speziell französischen Kunstgattung, die sich vom 15. bis zum 17. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute. Ausgehend von Jean Fouquet, der als erster Kreiden in zwei oder mehr Farben verwendete, erreichte das Genre der Bildniszeichnung unter Jean und François Clouet einen ersten Höhepunkt. Die bis ins 17. Jahrhundert wirkende Künstlerdynastie Dumonstier führte diese Gattung erfolgreich weiter. Die Regierung Heinrich IV., die religiöse, politische und gesellschaftliche Fronten aufbrach, gab auch den Künsten neue Impulse: ähnlich wie in den benachbarten Niederlanden bemühte man sich um Wirklichkeitstreue und Darstellungen des einfachen Lebens. Beeinflußt von Pierre und Daniel Dumonstier, die das Crayonbildnis realistisch neu zu beleben suchten, sprengte Lagneau den höfisch-bürgerlichen Rahmen der Kreideporträts zugunsten einer bald karikaturhaften, bald sittenbildlichen Darstellung von Charakteren und Volkstypen, die zu den eigenständigsten Leistungen des frühbarocken Realismus in Frankreich zählen.
Die beiden ausgestellten Pastelle der Albertina gehören allerdings nicht zu diesen expressiven, derb übersteigerten Physiognomien, sondern stehen ganz in der Tradition der eleganten höfischen Porträts: „Das Bildnis eines Jünglings“ ist eine der qualitätsvollsten subtilen späten Studien Lagneaus, die vormals Daniel Dumonstier zugeschrieben war und von Werner Hofmann als Arbeit Lagneaus erkannt wurde. Das Kontrapostmotiv der „Dame mit Ohrring“ erinnert an holländische und flämische Bildnisse des 17.Jhs.
Christine Ekelhart in: AK Old Master Drawings from Vienna, Albertina, Art Gallery of New South Wales,Sidney 2002, Nr.58
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