Allegorische Darstellung mit Ecclesia auf dem Himmelsgewölbe, Sonne und Mond
Anonym
Die auf der Zeichnung rechts unten erkennbare Bezeichnung "Monsù Boulanger" weist auf den lange Zeit in Italien wirkenden und dem Guido-Reni-Kreis angehörenden Jean (Giovanni) Boulanger (1606 Troyes - Modena 1660) hin und nicht, wie dies Knab (Cahiernotiz) erwogen hat, auf den ebenfalls in Troyes geborenen ausschließlich in Frankreich wirkenden Kupferstecher Jean Boulanger (1608 - um 1680). Giovanni Boulanger verließ Frankreich in jungem Alter, war zwischen 1628 und [?] 1637 Schüler Guido Renis (siehe Pirondini, in: Modena 1992, pp. 45-74) und war ab 1639 dokumentarisch als Maler am Hof Francesco I. d'Este in Modena faßbar. Er freskierte u. a. die Sommeresidenz der d'Este in Sassuolo bei Modena (u. a. zusammen mit Olivier Dauphin, siehe auch F. 480/Inv. 11752) und hielt sich zwischen 1644-46 in Rom im Haushalt von Kardinal Rinaldo d'Este, dem Bruder des Herzogs, auf. Die in Rom gewonnenen Erfahrungen, z. B. seine Auseinandersetzung mit der Ausstattung des Palazzo Farnese von Annibale Carracci und dessen Werkstatt, fanden u. a. ihren Niederschlag in der Galleria di Baccho (1650/51) der Residenz in Sassuolo, wo er nach einem Aufenthalt in Bologna (1646) weiterwirkte. Als Zeichner ist er wenig bekannt, und nur von ihm in der Galleria Estense in Modena aufbewahrte Blätter waren hilfreich für die Beurteilung des vorliegenden Blattes, das wir eher für eine Nachzeichnung als für ein Originalblatt des Künstlers halten. Die in Modena aufbewahrten Zeichnungen (z. B. Inv.Nr. 843, 1217 etc.) lassen uns zwar in diesem Blatt keine eigenhändige Arbeit Boulangers erkennen, doch glauben wir aufgrund des an die Fresken im Palazzo Ducale in Sassuolo (siehe Pirondini 1982) erinnernden Figurentyps mit Anklängen an Guido Reni, daß die vorliegende Zeichnung ein Original Boulangers zum Vorbild gehabt haben könnte. Ein nach der Zeichnung ausgeführtes Werk ist uns nicht bekannt. Denkbar wäre, daß es sich um eine Allegorie im Zusammenhang mit einem Fürstengeschlecht handelt: Ecclesia thront auf dem Himmelsgewölbe in den Wolken und hält Sonne und Mond in Händen. Sie ist von geflügelten Putten mit Porträtmedaillons umgeben, die teilweise zur Erde fallen, bzw. halten letztere auf dem Blatt unten eine noch leere Kartusche.
Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Heinz Widauer (Bearb.), Die französischen Zeichnungen der Albertina. Vom Barock bis zum beginnenden Rokoko. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. X, Wien/Köln/Weimar 2004, S. 256, Nr. 1162.
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