Algerion der Kühne mit seiner Gemahlin
François Chauveau
um 1657
Karton: 7,2 x 9,4 cm
F. 458-F. 469 (Inv. 13490 – Inv. 13501): Zwölf Vorzeichnungen zu Illustrationen für "Clovis ou la France chrestienne" von Jean Desmarets de Saint Sorlin, Paris 1657
Die Albertina besitzt zwölf Vorzeichnungen zu Illustrationen des heroischen Epos "Clovis ou la France chrestienne" von Jean Desmarets de Saint Sorlin (1595[?]-1676), erschienen in Paris 1657 (siehe Weigert 1951, II, Nr. 584-606). Desmarets de Saint Sorlin war der erste Kanzler der Académie française. Sein 1657 in Paris in 26 Büchern erschienenes Versepos hat die kriegerischen Abenteuer von Chlodwig, dem ersten christlichen König Frankreichs, und seine Liebesbeziehung zur burgundischen Prinzessin Chlotilde zum Inhalt. Abgesehen von den im folgenden katalogisierten Zeichnungen besitzt die Albertina im Hofbibliotheksband CXLIII.2. fol. 78-90 auch 13 einzelne vom Buchverband unabhängige Radierungen der insgesamt 26 Illustrationen. Am Ende der ehemaligen eugenianischen und schließlich in die Hofbibliothek übergegangenen Stichbände findet sich eine Inhaltsangabe von Jean Pierre Mariette. Dort wird vermerkt, daß von den dreizehn in der Albertina aufbewahrten Illustrationen aus Sorlins Buch eine von Abraham Bosse nach Vignon, drei weitere von Cochin und neun Illustrationen von François Chauveau gestochen bzw. im Falle des letzteren auch erfunden wurden (" Treize Sujets de I'histoire de Clovis qui ont eté faits pour le poem de Clovis par Desmarets; de ces 13. pieces il y en a une a la page 78. qui est grav. par Ab. Bosse d'apres Vignon, 3.
autres inv. et grav. par Cochin, qui sont aux pages 79.80.81. et les 9.
autres sont inv. et grav. par Chauveau le reste de cette suitte est grav. par le Pautre, et par Ab. Bosse, voyez leurs œuvres"). Über den tatsächlichen Anteil der einzelnen Künstler an den Illustrationen zu Sorlins Buch gab es seither immer wieder widersprüchliche Annahmen (siehe Weigert 1951, p.461; Canivet 1957, p.136; Hall 1958, p.25 und zuletzt die Forschungssituation zusammenfassend: Clark 1990, p.79, Anm. 7). Die hier vorliegenden kleinformatigen Blätter, die sich stilistisch mit ähnlichen Vorzeichnungen Chauveaus zu Buchillustrationen (z. B.im Louvre GM 2257, 2259 und 2260) vergleichen lassen, bestätigen Bjurtröms (1987, p.
54, Nr. 27) Annahme, daß alle Illustrationen von Chauveau in das Medium des Stiches umgesetzt wurden. Die Frage nach Chauveaus Anteil an den Bilderfindungen muß noch offen bleiben. In zumindest zwei Beispielen der hier vorgestellten Blätter scheint uns die Bilderfindung auf anderen Vorbildern zu beruhen (siehe F.458/Inv. 13492 und F. 463/Inv.13494), die Chauveau zu Buchillustrationen verwertet hat, wobei wir nicht sagen können, ob sich Chauveau von ihm bekannten Werken anderer Künstler einfach hatte inspirieren lassen oder ob diese Künstler direkt in das hier angesprochene Buchprojekt involviert waren. Die hier vorgestellten Zeichnungen der Albertina waren traditionell Jacques Callot zugeschrieben und befanden sich ursprünglich in den "Diversen Schulen", einer unter Herzog Albert ohne Rücksicht auf ihre schulmäßige Zugehörigkeit getroffenen Aufstellung weniger interessanter Blätter. Obwohl im Cahier (Inventarverzeichnis der Albertina) nur vereinzelt eine auf de Ligne zurückgehende Provenienz genannt wurde, schließen wir aus einem Teil eines im Auktionskatalog de Ligne genannten Konvoluts (Bartsch 1794, pp. 328-33) aufgrund zugegebenermaßen manchmal ungenauer Beschreibungen, daß die im folgenden vorgestellten Blätter zusammen mit den bereits genannten und einer großen Zahl weiterer kleinformatiger Vorzeichnungen zu Illustrationen, die wir heute N.Cochin zuschreiben (siehe F.367 -F.422), aus der Sammlung des Fürsten de Ligne in den Besitz von Albert von Sachsen-Teschen gelangt sind. Sie wurden von Eckhart Knab richtig den Œuvres François Chauveaus und Noel Cochins zugewiesen und aus den "Diversen Schulen" in den Band 12 der Französischen Schule der Albertina verlegt. Sie verfügen alle über ein etwa gleichgroßes Format und einen Raster, der auf ihre Übertragung in das Medium der Druckgraphik hinweist. Die Reihung der einzelnen Blätter erfolgt nach der Abfolge in Saint-Sorlins Buch.
Die Beschreibung im von Bartsch verfaßten Versteigerungskatalog ("Un chevalier et une dame en groupe, suivi d'un autre chevalier") könnte der Lotnummer 44 der de Ligne-Sammlung entsprechen. Vorliegende Zeichnung bereitet die Illustration (gegenüber p.1) zum 1. Buch von Desmarets' heroischem Epos vor (siehe Weigert 1951, Nr. 584-606.1.). Alvin L.Clark (1990, pp. 74-79) hat eine Zeichnung des British Museum (lnv. 1946-7-13-1080) veröffentlicht, die einen dieser Zeichnung der Albertina vorausgehenden Entwurf darstellt. Die Zeichnung in London ist größer und weicht in einigen Details vom Albertina-Blatt ab. Darüber hinaus ist sie in der Ausrichtung der Darstellung mit dem Stich ident, während die Albertina-Zeichnung die Darstellung im Gegensinn wiedergibt. Die kleine Zeichnung der Albertina ist offenbar die unmittelbare Vorstufe zum Stich Chauveaus, dessen erste Idee auf der Zeichnung des British Museum festgehalten wurde. Die Wiederkehr des Motives des im Gewittersturm reitenden Paares auf einem Stich Stefano della Bellas führte zu einer Diskussion um die Bilderfindung der Darstellung in zwei Leserbriefen in
Master Drawings (siehe Ph. D. Massar, in: Master Drawings 1991, XXIX, N°2, p. 208 und A.L.Clark, in: Master Drawings 1991, XXIX, N° 3, P 318).
Wir nehmen an, daß der im Bartschen Auktionskatalog der Sammlung de Ligne beschriebene "Entrée triomphale" am ehesten dem vorliegenden Blatt entspricht. Frontispiz zum 17. Buch von Desmarets' heroischem Epos (gegenüber p. 281; siehe Weigert 1951, Nr. 584-606.17.). Der entsprechende Stich konnte in der Albertina nicht aufgefunden werden.
Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Heinz Widauer (Bearb.), Die französischen Zeichnungen der Albertina. Vom Barock bis zum beginnenden Rokoko. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. X, Wien/Köln/Weimar 2004, S. 50f., Nr. 465.
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