Johannes predigt in der Wüste
Niccolò Boldrini
2. Drittel 16. Jahrhundert
Der jugendliche Johannes der Täufer in der Wildnis steht mit der Darstellung auf einem Leinwandgemälde in den Uffizien in Verbindung (Wien 2013, Abb.90), das traditionell als ein Werk Raphaels galt. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es als eine Werkstattarbeit angesehen, doch nach einer Restaurierung sind S. Ferino (Mantua 1989, S. 266), K. Oberhuber (1999) sowie P. Joannides und T. Henry (Madrid 2012, Nr. 12, die aber eine Beteiligung der Werkstatt annehmen) wieder für die Autorschaft des Meisters eingetreten. Laut Vasari (Ausg. Milanesi, Bd. IV, 1879, S. 370f.) hat es Raphael für den Kardinal Pompeo Colonna gemalt, der es seinem Arzt Jacopo da Carpi schenkte, nachdem dieser ihn von einer Krankheit geheilt hatte. Von der großen Beliebtheit der Komposition zeugen unzählige Kopien nach dem um 1516/18 gemalten Bild der Uffizien. Der Clair-obscur entstand aber nicht nach Raphaels Bild, sondern nach einer Zeichnung, was die andersartige Gestalung der Landschaft sowie die abweichende Haltung des Täufers zeigt. Johannes hält in seiner Linken den Kreuzstab, an dessen oberen Ende das Schriftband befestigt ist, wohingegen er in dem Gemälde mit seiner rechten Hand auf das Kreuz am Ende eines langen, von einem Baumstamm abzweigenden Asts deutet. Die übliche Ausrichtung des Deutgestus auf das Kreuz als Verweis auf die kommende Passion Christi ist in dem Blatt somit nicht gezeigt. Vermutlich hat der Formschneider eine Vorlage verwendet, in der nur die Figur ohne das Kreuz und die Hintergrundlandschaft gezeichnet waren. In den Uffizien existiert eine Rötelzeichnung zu der Heiligengestalt, die S. Ferino (Florenz 1984, Nr. 37), gefolgt von T. Henry, vorsichtig Raphael, P. Joannides hingegen jüngst Giulio Romano zugeschrieben hat (Madrid 2012, Nr. 12). Das ursprüngliche Aussehen des schlecht erhaltenen Uffizien-Blattes überliefert eine Kopie in der Albertina (Inv. 254). Verschiedene kleinere Abweichungen in der Haltung sowie das Fehlen des um die Hüfte gelegten Fells schließen jedoch aus, dass die Zeichnung als Vorlage für den Holzschnitt diente, wie R. Sassi (Carpi 2009) bereits feststellte. Die Vermutung von A. Weston-Lewis (Edinburgh 1994, Nr. 53), dass eine Giovanni Francesco Penni zugeschriebene Federzeichnung mit Weißhöhung in Edinburgh die Grundlage für das Blatt bildete, hat einiges für sich, da die Modellierung des Körpers mit feinen kurzen Federstrichen sehr ähnlich in dem Holzschnitt wiederkehrt. Dagegen sprechen jedoch der andersartige Gesichtsausdruck und die unterschiedliche Position der Füße. Man muss somit wohl von der Existenz einer nicht mehr erhaltenen ähnlichen Federzeichnung als Vorlage für den Holzschnitt ausgehen. A. Bartsch hat den Clair-obscur Ugo da Carpi zugeschrieben, worin ihm die meisten Autoren mit Ausnahme von J. Johnson (1982) gefolgt sind, die das Blatt nicht in das Verzeichnis der Werke Ugos aufgenommen hat. Zweifel hatte aber bereits A. Zanetti (1837) angemeldet, der die regelmäßige und monotone Manier der Strichführung bemängelte. In der Tat sind die Linien in Ugos Herkules-Szenen nach Entwürfen von Raphael und Peruzzi (Albertina Inv. DG2002/913, Inv. DG2002/311 und Inv. DG2002/312) feiner und differenzierter. Sie bilden komplexe Gefüge unterschiedlicher Dichte, welche subtil dem Verlauf der Formen folgen, den Körpern Plastizität und Spannung verleihen und diese von innen heraus mit Leben erfüllen. Die Linien verlaufen äußerst lebendig, setzen an den vom Licht bestrahlten Partien oft aus, wohingegen sie den Körper des Johannes mit einem geschlossenen Kontur umgeben. In diesem Blatt sind die Formen vollkommen gleichmäßig durchgestaltet, die Linien halten immer die gleichen Abstände ein und entfalten keinerlei Eigenleben. Wie bereits A. Zanetti gesehen hat, bestehen engste Bezüge zu Venus und Amor (Albertina, Inv. DG2002/331) von Niccolò Boldrini, dem das Blatt zuzuschreiben ist. Der Stil deckt sich auch mit den Clair-obscurs nach Zeichnungen von Giulio Romano (vgl. Albertina, Inv. DG2002/235, Inv. DG2002/233 und Inv. DG2002/332), der vielleicht im Besitz einer Vorzeichnung seines Lehrers für den Johannesknaben war und diese Boldrini weitergegeben hat. Von dem Blatt existieren auch Abzüge nur von der Linienplatte (Albertina, Inv. DG2002/295), in denen die Darstellung nicht befriedigt, da verschiedene Details – etwa das Laub des Baumes am rechten Rand – ohne Zusatz der Farbe und der Lichthöhungen unvollständig sind.
Literatur: Zanetti 1837, S. 34, Nr. 38 (Niccolò Boldrini zugeschrieben); Passavant 1860, S. 288 (Ugo da Carpi); Seibt 1891, S. 49 (nicht von Ugo da Carpi); Reichel 1926, S. 30 (Ugo da Carpi); Servolini 1932, S. 51 (Ugo da Carpi); Florenz 1956, Nr. 3 (Ugo da Carpi); Trotter 1974, S. 112f. (Ugo da Carpi?); Servolini 1977, S. 8, Kat. 16, Tav. XXVII (Ugo da Carpi); Karpinski 1983, S. 108; Edinburgh 1994, S. 108 (Text v. A. Weston-Lewis); Carpi 2009, Nr. 17 (Ugo da Carpi, Text v. R. Sassi)
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/135481/johannes-predigt-in-der-wusteImage Request