Lesende Sibylle
Antonio da Trento
um 1524-1527
Bereits Vasari (Ausg. Milanesi, Bd. V, 1880, S. 421) beschrieb den Holzschnitt als lesende Sibylle, der ein Knabe mit Fackel Licht spendet. A. Bartsch und die ihm folgende Literatur bezeichneten das Blatt als eine Kopie nach einem Farbholzschnitt, in dem die Sibylle nach links gewendet erscheint (Albertina, Inv. DG2002/299 und Inv, DG2002/300). J. Johnson konnte jedoch aufgrund der lebendigeren Linienführung und besonders meisterhaften Ausführung nachweisen, dass diese Version das Original und der von Bartsch beschriebene Holzschnitt eine gegenseitige Kopie danach ist. Die kaum lesbare Aufschrift »R / R·V·I·« (Raphael Urbinas Invenit) gibt Raphael als Erfinder der Komposition an, und tatsächlich bestehen Beziehungen zu dessen Zeichnungen aus der Zeit um 1512/13 wie die Lesende Muttergottes mit Kind in Chatsworth oder die Muttergottes, die das Christuskind umarmt im Ashmolean Museum in Oxford (Knab, Mitsch und Oberhuber 1983, Nr. 444–445). Diese Zeichnungen sind mit dem Silberstift auf grundiertem Papier sehr feinteilig ausgeführt, wohingegen die summarische Andeutung des Gewandes und die fließenden Lichthöhungen eher an eine Zeichnung von Parmigianino denken lassen, die von einer Vorlage von Raphael inspiriert ist. Bereits W. H. Trotter verwies auf eine Federzeichnung in Cincinnati (Art Museum; Gnann 2007, Kat. 115), in der eine sitzende Frauengestalt in höchst verwandter Pose bis hin zur leichten Einwärtsdrehung des Kopfes erscheint. Ähnlichkeiten bestehen zudem zu Parmigianinos sogenannter Hl. Thais im Courtauld Institute oder zu der sitzenden Frauengestalt in Neapel (Museo di Capodimonte), bei denen die Weißhöhung in vergleichbar breiten parallelen Strichen und Kreuzschraffuren aufgetragen ist (Gnann 2007, Kat. 173 Recto, 176 Recto). Es sind Studien von Frauen in ihrem häuslichen Ambiente, mit denen sich der Künstler um 1523/24 befasst hat. Ein solches genrehaftes Motiv könnte auch bei der Darstellung auf dem Holzschnitt vorliegen, die vielleicht nur aufgrund der offensichtlichen Anlehnung an Michelangelos Erithräische Sibylle (Trotter 1974, S. 68) die Bezeichnung Lesende Sibylle erhielt. Laut Vasari war die Komposition einer der ersten mit einer farbigen Tonplatte gedruckten Holzschnitte von Ugo da Carpi. J. Johnson nahm sogar eine Entstehung vor Ugos Aufenthalt in Rom an. Der Stil des Blattes zeigt aber keine Bezüge zu der ungleich differenzierteren Technik von Werken Ugos wie dem Hieronymus nach Tizian oder den beiden Taten des Herkules nach Raphael (Albertina, Inv. DG2002/324, Inv. DG2002/311 und Inv. DG2002/312). Bei Ugo sind die Linien der Strichplatte feiner und variieren stärker. Sie greifen komplex ineinander und ändern häufig ihre Richtung mit dem Ziel, den Körpern Plastizität zu verleihen und sie von innen heraus mit Leben zu erfüllen. Bei der Lesenden Sibylle verlaufen die Linien dagegen frei und fließend. Sie liegen auf der Oberfläche auf, ohne die Formen herauszumodellieren, und betonen nicht das Haptische wie bei Ugo, sondern heben den optischen Eindruck hervor. Die langen, unvermittelt endenden Linienbahnen auf dem Kleide der Frauengestalt, die ohne Begrenzung bleiben, sind in keinem Werk Ugos nachweisbar. Sie unterscheiden sich kaum von den Linien, die das Interieur ausfüllen und sich mit der gedämpften Farbe der Tonplatte zu einem lebendigen Helldunkel verbinden, in das die Figur gänzlich einbezogen wird. Bereits A. Zanetti sowie später die beiden Franklins und K. Oberhuber haben das Blatt mit Antonio da Trento in Verbindung gebracht. In der Tat sind der flächige Verlauf der Striche, die kaum zu Rundungen ansetzen, sowie die Verschattung des Grundes mit dichten Schraffuren charakteristisch für Holzschnitte Antonios wie etwa die Hl. Cäcile, die Madonna mit der Rose oder der Lautenspieler (Albertina, Inv. DG1130, Inv. DG2002/426 und Inv. DG2002/497). Von daher ist die traditionelle Zuschreibung an Ugo abzulehnen, selbst wenn sie durch Vasari verbürgt ist. Die Beliebtheit dieser Darstellung dokumentieren die verschiedenen Versionen und danach angefertigten Kopien, die bei J. Johnson aufgelistet sind.
Literatur: Zanetti 1837, S. 71, Nr. 90; Seibt 1891, S. 42f.; Paris und Rotterdam 1965– 1966, Nr. 85 (Ugo da Carpi); Trotter 1974, S. 8ff., 66ff.; Franklin 1977, S. 27; Goldfarb 1981, S. 311; Johnson 1982, Kat. 4 II (Ugo da Carpi); Karpinski 1983, S. 140; Landau und Parshall 1994, S. 154; Gnann 2002, S. 294; Matile 2003, Kat. 43 (Ugo da Carpi); Tokio 2005, Kat. 10 (Ugo da Carpi); München und Frankfurt 2007–2008, Kat. 59 (Antonio da Trento?); Carpi 2009, Nr. 18 (Ugo da Carpi; Text v. T. Previdi)
