Spielende Putten
Monogrammist NDB
1544
Dieses seltene Blatt des Meisters NDB dokumentiert eine bedeutende Komposition aus der späten Schaffenszeit Raphaels, zu der sich keine zeichnerische Vorlage mehr erhalten hat. Der Formschneider hat am linken unteren Rand sein Monogramm und in der Mitte auf ein Täfelchen das Datum 1544 aus der hellen Tonplatte ausgeschnitten, während der Name Raphaels als Erfinder der Darstellung in Schwarz gedruckt ist. Wie bereits R. Förster (1904) dargelegt hat, basieren der Clair-obscur-Holzschnitt sowie sein Gegenstück (B. XII, S. 108, Nr. 4) auf der Beschreibung des antiken Bildes Liebesgötter des griechischen Autors Philostrat (Eikones, I, 6). Verschiedene Motive folgen wörtlich dieser Ekphrasis Philostrats, der anschaulich schildert, wie sich Eroten in dem Garten tummeln, dessen Boden zartes Gras bedeckt und dessen Baumreihen gerade hinlaufen. An den Spitzen der Zweige locken Äpfel, welche die Liebesgötter pflücken und deren Duft den Garten mit Wohlgeruch erfüllen. Bildhaft beschreibt der Autor die kindlichen Gestalten: »um nicht von den tanzenden zu reden oder von den umherlaufenden oder den Schläfern oder davon, wie es ihnen beim Hineinbeißen in die Äpfel schmeckt«. Erwähnt ist auch der Schütze im Vordergrund, der mit seinem Bogen auf einen anderen zielt: »Und doch liegt in ihren Mienen keine Drohung, vielmehr bieten sie einander sogar die Brust, damit hier die Pfeile irgendwo eindringen« (zit. nach Marek 1985, S. 109). In der Komposition setzt Raphael auf unvergleichliche Weise die im Text beschriebene heitere Idylle, den unbeschwerten Charme der Kinder und die duftige, sonnige Atmosphäre ins Bild um. Die Gelöstheit und Raumhaftigkeit der Bewegungen und die durchdachte Verteilung der einzelnen Gruppen, die sich trotz ihrer unterschiedlichen Tätigkeiten zu einem geschlossenen Ganzen zusammenfügen, sprechen ganz für eine Erfindung Raphaels. Ein Pasticcio, bei dem verschiedene Ideen kombiniert wurden, ist auch wegen der genauen Anlehnung an die Bildbeschreibung auszuschließen.
Man hat darauf hingewiesen, dass die Darstellung mit der aus zwanzig Teppichen bestehenden Serie der sogenannten Giochi di Putti (Puttenspiele) in Verbindung steht. Sie wurde im Auftrag Papst Leos X. in der Werkstatt des Pieter van Aelst in Brüssel gewebt und bei festlichen Anlässen am Sockel der Sala di Costantino im Vatikan aufgehängt. Die originale, in Seide und Gold gewebte Serie ist zwar nicht mehr erhalten, doch lassen sich die Szenen der Teppiche anhand der erhaltenen Modelli, Nachzeichnungen, Stiche und späteren Kopien teilweise rekonstruieren. Die erhaltenen Modelli stammen von der Hand des Raphael-Schülers Tommaso Vincidor, der 1520/21 in Brüssel die Arbeit an der Herstellung der Tapisserien beaufsichtigte. Tommaso sowie einem anderen Mitarbeiter der Raphael-Werkstatt, Giovanni da Udine, oblag die Ausführung der Entwürfe, die wohl noch auf den Meister selbst zurückgehen. Auf ihnen sind spielende Putten, die mit Elementen aus dem Familienwappen des Papstes hantieren, zwischen üppige Fruchtgehänge eingefügt. Die Posen der Putti sind teilweise wörtlich von der Komposition des hier besprochenen Farbholzschnitts entlehnt. So kehren etwa auf Zeichnungen von Tommaso Vincidor in der Albertina seitenverkehrt der Putto rechts oben auf dem Baum, im British Museum gleichseitig der fliegende Liebesgott mit dem Apfel in der erhobenen Hand und im Louvre gleichsinnig die beiden schlafenden Eroten wieder (Mantua und Wien 1999, Nr. 165; Pouncey und Gere 1962, Nr. 155; Cordellier und Py 1992, Nr. 1009). Möglicherweise bildete die im Holzschnitt überlieferte Darstellung einen frühen Ausgangspunkt für die Teppichserie. Vielleicht dokumentiert sie aber auch eine Idee Raphaels für einen einzelnen, möglicherweise großformatigen Wandteppich. Es ist der schönste Holzschnitt des Meisters, der sich in der Gestaltung der feinen, wie ziselliert anmutenden Lichthöhungen, der fleischigen Blätter der Bäume und der Strukturierung des Hintergrunds weniger an italienischen Beispielen orientiert, sondern an Clair-obscur- Holzschnitte von Lucas Cranach, Hans Burgkmair und Hans Wechtlin anschließt.
Ein weiteres Exemplar befindet sich in HB7.10Suppl. p.77.
Literatur: Nagler 1858–1879, Bd. 4, 1871, S. 744, Nr. 5; Reichel 1926, S. 38, Taf. 53; Servolini 1932, S. 91; Pouncey und Gere 1962, Bd. 1, S. 89; Wien 1966, Nr. 210; Trotter 1974, S. 33, 129; Karpinski 1976, Kat. 7; Karpinski 1983, S. 175; Paris 1983–1984, Kat. 90 (Text v. P. Jean-Richard); Città del Vaticano 1984–1985, S. 357f., Nr. 135 (Text v. R. Quednau); Cordellier und Py 1992, S. 606ff.; Mantua und Wien 1999, S. 238, Kat. 165; Tokio 2005, Kat. 33; Jenkins 2013, S. 134ff.
