Die Anbetung der Könige
Giuseppe Nicola Vicentino (Rossigliani)
um 1527-1529
Die Anbetung der Könige gilt seit der Zuschreibung von A. Bartsch traditionell als ein Werk von Niccolò Vicentino. Die Buchstaben »F. P.« (beschnitten) am rechten unteren Rand sind die Initialen des Namens Francesco Parmigianino, auf den die Erfindung der Komposition zurückgeht. Die seiten- und annähernd maßgleiche Vorzeichnung des Künstlers, die zudem Nicolas Beatrizet in einem Kupferstich wiedergegeben hat (B. XV, S. 235f., Nr. 13), befindet sich in Frankfurt (Städel Museum; Wien 2013, Abb. 54). Sie könnte auf der rechten Seite geringfügig beschnitten sein, da der Kopf des Esels, der auf vollständigen Exemplaren des Clair-obscurs erscheint, nicht mehr zu erkennen ist. Niccolò folgt in seinem Chiaroscuroschnitt dem Entwurf ansonsten getreu, verzichtet aber auf die genaue Wiedergabe von Details in den Schattenzonen, die durch parallele Linien mit der schwarzen Strichplatte angedeutet sind. Die Gestalten verlieren dadurch an plastischer Substanz und werden zu einer einheitlichen Gruppe verschmolzen, wohingegen sie in der Vorzeichnung ihre Individualität bewahren. Der vermutlich speziell für die Wiedergabe im Holzschnitt geschaffene Entwurf wird gewöhnlich in die bolognesische Periode datiert, und in der Tat erinnert der kraftvolle Stil der Figuren mit ihren aneinandergedrängten Bewegungen an Blätter wie die Heilung der Aussätzigen in Chatsworth aus der Zeit um 1527 bis 1529 (Popham 1971, Nr. 690, Pl. 133). Möglicherweise hat Niccolò in dieser Zeit auch den Holzschnitt geschaffen, zumal sich der malerische Stil mit seinen wässrigen, auseinanderfließenden Farbflächen von vermutlich späteren Blättern wie das der Flucht der Cloelia (Albertina, Inv. DG2002/363) unterscheidet. In diesem ist das Liniensystem der Strichplatte feiner und dergestalt auf die Farbplatten abgestimmt, dass die Körper plastischer und raumhafter wirken. Engere Bezüge ergeben sich zu Holzschnitten wie die Heilung der Aussätzigen (Albertina, Inv. DG2002/422), in denen die Gliedmaßen ähnlich biegsam und die Gesichter rein zeichnerisch angedeutet sind. In diesen schließt Niccolò unmittelbar an den Stil von Ugo da Carpi an, dessen Schüler er möglicherweise in Rom war. Im Hinblick auf Parmigianinos Zeichnung mag die Einfügung schmückender Details, wie der Kamele im Hintergrund, auf den Einfluss von Baldassare Peruzzis Anbetung der Könige hinweisen, die der Maler 1522/23 für den Grafen Bentivoglio in Bologna geschaffenen hat (siehe Frommel 1967–1968, Kat. 76). Die mit einer Fülle erzählerischer Einzelheiten prachtvoll ausgestaltete Anbetungsszene Peruzzis hatte großen Einfluss auf Darstellungen dieses Themas in der Malerei Bolognas. Zugleich beruft sich Parmigianino noch auf eigene Werke aus der römischen Zeit wie die von Gian Giacomo Caraglio nach einer Zeichnung in den Kunstsammlungen zu Weimar im Jahre 1526 gestochene Anbetung der Hirten (Gnann 2007, Kat. 521; B. XV, S. 68f., Nr. 4), in der die Figuren ebenfalls entlang einer abfallenden Schräglinie zu der am Boden sitzenden Muttergottes und dem Christuskind vordrängen, die durch eine Säule als einziger vertikaler Akzent hervorgehoben werden. Wie K. Oberhuber (Wien 1963) bemerkt hat, überliefert das hier ausgestellte Blatt den zweiten Zustand (vgl. Albertina, Inv. DG2002/417, Inv. DG1140), bei dem die Spitze des zweiten horizontal verlaufenden Balkens der Stallarchitektur mit der zweiten Farbplatte charakterisiert wird, während diese Stelle im ersten Zustand (Albertina, Inv. DG2002/416) ein Stück der schwarzen Strichplatte markiert.
Literatur: Nagler 1835–1852, Bd. 20, 1850, S. 208, Nr. 2; Pittaluga 1930, S. 248f.; Copertini 1932, Bd. 2, S. 42; Servolini 1932, S. 71; Wien 1963, Nr. 100; Popham 1969, S. 51, Anm. 9; Popham 1971, S. 13, unter Nr. 137; Trotter 1974, S. 258f.; Frankfurt 1980, unter Nr. 25; Karpinski 1983, S. 87; Gnann 2002, S. 292; Parma und Wien 2003, Kat. 2.4.11 (Text v. A. Gnann); Ottawa und New York 2003–2004, Nr. 63; Tokio 2005, Kat. 28; München und Frankfurt 2007–2008, Kat. 70; Paris, Rouen, Ajaccio 2011–2012, Kat. 31 (Text v. D. Vandecasteele)
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