EL-Z (14.2.1984)
Gerhard Richter
1984
Rahmenaußenmaß 51,2 × 61,5 × 4,1 cm
Gerhard Richter ist einer der bedeutendsten Maler der Gegenwart und ein Künstler mit breiter internationaler Resonanz. Sein umfangreiches und außergewöhnliches Schaffen basiert auf der großen Vielfalt und Bandbreite seiner Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten. Konzeptuelle Kunst, abstrakte Malerei, gegenständliche, nach Fotografien gemalte Bilder, die dem Fotorealismus nahestehen, Werke mit narrativem oder politischem Hintergrund stehen neben Installationen, Glas- und Spiegelobjekten. Seine Sammlung von ca. 4000 Fotografien, Bildern, Collagen, Skizzen und Entwürfen, die er seit 1962 in seinem "Atlas" - einem fortlaufenden enzyklopädischen Werk - zusammenfasst, bilden den Fundus von Bildvorlagen und Anregung für viele Facetten seines Schaffens. In ihm spiegeln sich biografische, historische, aber auch politische Fakten und Ereignisse.
Das faszinierendes Œuvre Gerhard Richters baut auf Widersprüche und Gegensätze, und gerade seine Reflexion über Geschichte und Bedeutung der abstrakten Kunst gab der Auseinandersetzung mit der gegenstandslosen Malerei - auch im postmodernen Diskurs - neue Impulse. In einer von elektronischen Medien und virtuellen Bildern dominierten Welt stellt Richter die Frage nach der Bedeutung und Rolle der Malerei. Dass er sich dabei nicht auf ein klar definiertes, einem chronologischen Werkbegriff verpflichtetes Schaffen festmachen lässt, charakterisiert seinen experimentellen Zugriff, sein forschendes Eindringen in immer neue Themenkreise. Immer wieder stattfindende Brüche und Paradigmenwechsel sind ein konstituierendes Element seiner Kunst. Er selbst hat diese Position bereits 1966 klargemacht: "Ich verfolge keine Absichten, kein System, keine Richtung, ich habe kein Programm, keinen Stil, kein Anliegen. Ich halte nichts von fachlichen Problemen, von Arbeitsthemen, von Variationen bis zu Meisterschaft [...]" (zit. nach: AK Düsseldorf 2005, S. 49).
Malerei sieht Richter nicht als Ergebnis, sondern als Prozess, und auch das hier besprochene Aquarell ist ein anschauliches Beispiel für diese Arbeits- und Denkweise des Künstlers. Das besonders schöne Blatt charakterisieren gestische, fließende Farbverläufe in Dunkelblau und Grün, die Richter hier über den in warmem Gelb, Ocker und Rot durchschimmernden Bildgrund legt. Das "Darunterliegende" bestimmt die Erscheinungsform vieler seiner Werke: Verhüllen und Enthüllen sind Begriffe, mit denen man sich vielen seiner Bilder zu nähern vermag. So erreicht Richter außergewöhnliche Plastizität und einen verschwimmenden, geheimnisvollen Farbraum, der sich über mehrere Ebenen zu entwickeln scheint. Besonders anschaulich werden an diesem Blatt der für Richter charakteristische ganzheitliche Bildzusammenhang, die farbige Stimmung und die imponierende Verdichtung der materiellen Konsistenz der Farbe.
Margarete Heck, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 271.
