Der Lautenspieler
Antonio da Trento
um 1527-1530
Antonio da Trentos Lautenspieler und sein Pendant, Johannes der Täufer (Albertina, Inv. DG2002/464) zählen zu seinen technisch reifsten Werken und sind die beiden einzigen Blätter, die sein Monogramm tragen. Dieses ist in die Tonplatte in der unteren Einfassung eingeschnitten. Die Rahmung wird aus vier Einzelstücken mit abgeschrägten Enden gebildet, die lose an die zentralen Holzblöcke angelegt wurden, wodurch dünne Fugen entstanden, die beim gedruckten Blatt weiße Linien hinterlassen (vgl. Albertina, Inv. DG2002/498). Der Rahmen wurde häufig abgeschnitten wie bei zwei Exemplaren der Albertina (Inv. DG2002/496, Inv. DG1210). Wie E. Kolloff feststellte, irrte A. Bartsch in der Annahme, die Drucke mit Rand seien späte Zustände, da sie von schon abgenutzten Platten herrührten. Vielmehr findet sich die Einrahmung schon auf den schönsten und frühesten Abzügen. Durch sie wollte Antonio der Darstellung eine bildmäßige Einfassung geben, ähnlich wie Ugo da Carpi in den Blättern Raphaels Unterhaltung mit seiner Geliebten, David erschlägt Goliath und Kreuzabnahme (Albertina, Inv. DG2002/322, Inv. DG2002/272, Inv. DG2002/287), in denen die Rahmung aber nicht angesetzt, sondern in den Holzstock geschnitten ist. E. Hinterding (Tokio 2005, Kat. 18a) hat ein frühes Exemplar Johannes des Täufers in der Sammlung Lugt entdeckt, für das eine andere Tonplatte mit sehr differenzierten, linear gestalteten Weißhöhungen verwendet wurde. Von dieser frühen Fassung mit feinen, an die Madonna mit der Rose und den Narziss (Albertina, Inv. DG2002/426, Inv. DG2002/537) erinnernden Glanzlichtern unterscheidet sich der zweite Zustand des Johannes des Täufers durch eine andere Tonplatte mit fleckigen, wie mit dem Pinsel aufgesetzten Lichthöhungen. Auf diesem zweiten Zustand sind die Glanzlichter wie bei dem Lautenspieler behandelt, wobei zu untersuchen wäre, ob es auch von diesem einen früheren Zustand mit anderer Tonplatte gibt. Die beiden Holzschnitte bilden aufgrund des gleichen Formats, der ähnlichen Behandlung des Hintergrunds sowie der Einfügung einer sitzenden Gestalt in die Landschaft Gegenstücke, wenngleich sie thematisch nicht miteinander verbunden sind.
Beide Holzschnitte zeigen, mit welcher Meisterschaft Antonio mittlerweile die Clair-obscur-Technik beherrschte. Gegenüber Antonios wohl früherem Blatt mit der hl. Cäcilie (Albertina, Inv. DG1130), in dem die Linien länger und gleichförmiger verlaufen, verwendete er beim Lautenspieler feinere und variationsreichere Linien, die den Körper plastisch herausmodellieren. Die Figur setzt sich vom Grund ab, wirkt in der Bewegung entschiedener und nachdrücklicher und zugleich raumhafter als die noch eher flächig aufgefasste Hl. Cäcilie. Über die Identität des Lautenspielers ist nichts Genaueres bekannt ist. Am Rande sei bemerkt, dass Parmigianino ein äußerst musikalischer Künstler war, der Vasari (Ausg. Milanesi, Bd. V, 1880, S. 234) zufolge selbst Laute spielte und dessen Hand und Talent so ausgebildet waren, dass er darin nicht weniger brillierte als in der Malerei. Im Unterschied zum Johannes der Täufer, für den sich eine Reihe von Vorzeichnungen Parmigianinos aus der Zeit um 1527/28 erhalten hat (Gnann 2007, Kat. 642–651), existieren zum Lautenspieler keine Vorstudien. Parmigianino beschäftigte sich mit ähnlichen Ideen in Zeichnungen wie den Musikern in der Landschaft in Parma (Galleria Nazionale di Parma) oder dem Mann mit Notenband in Rotterdam (Museum Boijmans Van Beuningen), die beide vielleicht noch aus der Zeit gegen Ende seines Aufenthaltes in Rom stammen (Gnann 2007, Kat. 625, 627, siehe auch Kat. 628). Die seitenansichtige Sitzhaltung weist andererseits auf die Madonna mit Kind im Courtauld Institute in London voraus, die Parmigianino um 1529 gemalt hat (Di Giampaolo 1991, S. 78). Möglicherweise steht das Thema des Farbholzschnittes in Zusammenhang mit einer geplanten Reihe von Darstellungen musizierender Figuren, was sich aber nicht konkret nachweisen lässt.
Literatur: Kolloff 1878, S. 155, Nr. 35; Reichel 1926, Taf. 35 oben; Pittaluga 1930, S. 241; Servolini 1932, S. 59; Zava Boccazzi 1962, S. 58, Nr. 6; Wien 1963, Nr. 112; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 134; Popham 1969, S. 49; Trotter 1974, S. 3, 45ff., 177f.; Franklin 1977, S. 28; Karpinski 1983, S. 238; Matile 2003, S. 134, Kat. 55; Gnann 2002, S. 294; Gnann 2007, S. 199; Ekserdjian 2006, S. 222; München und Frankfurt 2007–2008, Kat. 62; Paris, Rouen und Ajaccio 2011–2012, Kat. 33 (Text v. D. Vandecasteele)
