Die Verehrung der Psyche
Giuseppe Nicola Vicentino (Rossigliani)
um 1539/1540
Die Darstellung des Clair-obscur-Holzschnitts zeigt gemäß des Märchens des antiken Dichters Apuleius die Königstochter Psyche, die wegen ihrer einzigartigen Schönheit größte Bewunderung auf sich zog. Menschen aus allen Teilen des Landes strömten zusammen, brachten ihr Opfergaben dar und verehrten sie wie die Göttin Venus, deren Verärgerung sie hervorrief. Sie ging eine Liebesbeziehung mit dem Gott Amor ein, den sie nach Erledigung verschiedener lebensgefährlicher Aufgaben mit Erlaubnis Jupiters heiraten durfte. Schließlich wurde Psyche unter die Unsterblichen aufgenommen. Bereits P. J. Mariette hatte erkannt, dass der Farbholzschnitt ein großes oktogonales Gemälde von Francesco Salviati im Palazzo Grimani bei S. Formosa in Venedig wiedergibt. Das Gemälde galt lange Zeit als verloren, wurde aber unlängst in einer Privatsammlung wiederentdeckt (De Marchi 2004). Giorgio Vasari (Ausg. Milanesi, Bd. VII, 1881, S. 18f.) lobte dieses 1539 entstandene Bild seines Florentiner Landsmannes als eines der schönsten Venedigs. Er spezifizierte, dass es in Öl ausgeführt, in der Mitte der Decke angebracht und von vier anderen Gemälden mit Szenen aus dem Märchen von Amor und Psyche umgeben war, die Francesco Menzocchi gemalt hatte. Dekorative Girlanden von der Hand des Malers Camillo Mantovano rahmten die Szenen ein. Der Farbholzschnitt unterscheidet sich in der Körperhaltung und Blickrichtung der Psyche sowie in der Gestaltung der Bildarchitekturen von dem Gemälde und dürfte daher auf eine verlorenen Entwurfszeichnung Salviatis zurückgehen (zu Einzelstudien zu dem Bild siehe De Marchi 2004). Wie bereits I. H. Cheney (1963) festgestellt hat, knüpft Salviati in dieser Szene an sein im Vorjahr 1538 ausgeführtes Fresko der Heimsuchung im Oratorium von S. Giovanni Decollato in Rom an, in dem er Elemente der Malerei Raphaels und seiner Schüler mit denen der jüngeren Künstler Parmigianino und Perino del Vaga verbunden hat. Von der Heimsuchung übernimmt Salviati in seinem Gemälde die perspektivisch gezeigten Hintergrundgebäude sowie einzelne Figurenmotive wie die auf dem Boden sitzende Frau mit Kind. Wie B. Davis (Los Angeles 1988–1989) bemerkt hat, beeinflusste die Darstellung zudem eine Szene gleicher Thematik (B. XV, S. 213, Nr. 40) aus einer dem Märchen von Amor und Psyche gewidmeten Serie, die der Meister B mit dem Würfel nach Entwürfen des flämischen Malers Michiel Coxcie gestochen hat. Während A. Bartsch und A. Zanetti den Farbholzschnitt für eine Arbeit von Antonio da Trento hielten, haben ihn P. J. Mariette, G. Baseggio oder in der neueren Literatur B. Davis und M. Matile Niccolò Vicentino zugeschrieben. In der Tat bestehen in der malerischen Gestaltung der Tonblöcke nur wenige Verbindungen zu der linearen Manier von Antonios Holzschnitten, aber engste Bezüge zum Stil Niccolòs. Gegenüber dessen Blättern Christus heilt die Aussätzigen oder Anbetung der Könige (Albertina, Inv. DG2002/422 und Inv. DG2002/416) sind die Figuren nun aber kompakter und setzen sich wirkungsvoller voneinander ab. Die Farben werden nicht mehr breitflächig übereinandergeschichtet, sondern in reduzierterer Form verwendet. Bei den Figuren dient der mittlere Ton dazu, den Formen Fülle und Rundung zu geben, und auch die Glanzlichter liegen nicht mehr breit und schlierenartig auf der Oberfläche, sondern sind feiner, blitzen nur hier und da auf, um die Plastizität der Körper zu veranschaulichen. Die schwarzen Linien der Strichplatte umschreiben nicht mehr gleichmäßig die Formen, sondern sind ebenfalls feiner und werden vor allem in den Schattenzonen verwendet. Die Verehrung der Psyche ist vergleichbar mit Blättern wie der Flucht der Cloelia, in dem Niccolò seinen reifen, plastisch-modellierenden Stil ausgebildet hat, der sich bereits mit dem Druck Augustus und die Tiburtinische Sibylle nach einem Entwurf Parmigianinos von 1529/30 ankündigte. Man hat bei den graziösen Figuren der Psyche-Szenen auf einen Einfluss von Parmigianino hingewiesen, und es ist möglich, dass Niccolò nach Beendigung der Zusammenarbeit mit dem Maler um 1530 Entwürfe von gerade jenen Künstlern in Holzschnitten zu reproduzieren suchte, die Parmigianino stilistisch nahestehen. Die Holzstöcke hat später Andrea Andreani erworben, der das Blatt neu aufgelegt und am linken unteren Rand sein Monogramm, den Druckort und das Datum 1602 in der Strichplatte eingefügt hat (Albertina, Inv. DG2002/554). Der vorliegende Clair-obscur-Holzschnitt repräsentiert den ersten Zustand (vgl. Albertina, Inv. DG2002/556, Inv. DG955), der von Andreani aufgelegte den zweiten.
Literatur: Zanetti 1837, S. 18, Nr. 20 (Antonio da Trento); Baseggio 1844, S. 22f., Nr. 7; Kolloff 1872, S. 726, Nr. 21 (in der Art des Ugo da Carpi); Seibt 1891, S. 54; Pittaluga 1930, S. 247; Servolini 1932, S. 71; Zava Boccazzi 1962, S. 59, Nr. 4 (Antonio da Trento); Cheney 1963, S. 341; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 141 (Antonio da Trento zugeschrieben); Trotter 1974, S. 300ff.; Franklin 1977, S. 29 (Antonio da Trento); Karpinski 1983, S. 200; Los Angeles 1988–1989, Kat. 53; Rom und Paris 1998, Kat. 53 (Text v. M. Hochmann; Niccolò Vicentino zugeschrieben); Matile 2003, Kat. 70; Gnann 2007, S. 188
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