Schwarze Rinnen
Arnulf Rainer
1974
Rahmenaußenmaß: 128,4 x 93,7 x 6,9 cm
Arnulf Rainer schuf zwischen 1968 und 1976 einen mehr als 4000 Stück umfassenden Korpus an fotografischen Selbstinszenierungen, den er ab 1970 auch für malerische und grafische Überarbeitungen heranzog. Mit dem Beginn dieser Selbstdarstellungsserien tritt eine bedeutende Wende im Œuvre Rainers ein. Erstmals wird die Fotografie in die Praxis des Übermalens miteinbezogen. Dieser mediale Bruch wurde bereits durch vorangehende Werkgruppen vorbereitet. Mitte der 1960er-Jahre fand eine Hinwendung zum Figurativen statt, die sich in Zeichnungen mit stilisierten Köpfen und deformierten Profilen niederschlug. In den Überarbeitungen der fotografischen Selbstinszenierungen wird diese Auseinandersetzung mit dem Physiognomischen fortgesetzt. Dazu bedient sich Arnulf Rainer zentraler malerischer und grafischer Ausdrucksmittel, die er bereits in seinen abstrakten Werkgruppen zur Anwendung gebracht hat. Diese umfassen einerseits das Übermalen, andererseits gestische Tendenzen, die im Informel ihren Ausgangspunkt haben.
In "Schwarze Rinnen" aus dem Jahr 1974 trägt Arnulf Rainer schwarze Ölfarbe großzügig auf die vertikale Leinwand auf, sodass langgezogene Rinnspuren die Oberfläche strukturieren. Diese Linien fließender Farbe haben nicht nur zur Titelgebung geführt, sondern zeichnen sich durch eine zusätzliche bildimmanente Funktion aus: Sie verweisen auf die Materialität der Ölfarbe und machen darüber hinaus jeden Illusionismus zunichte. Zusätzlich setzt Rainer Kohle ein, um die schwarzen Farbflächen nochmals zu überarbeiten. Mit Linienbündeln hebt er die Körperkonturen hervor. Im Bereich des Kopfes legt sich eine schwarze Form wie eine Perücke über die Haare, während sich die Linien außerhalb des Gesichtes zu einer Ausstülpung, die an die frühen Profilzeichnungen erinnert, zusammenfügen. Der Auftrag von Schwarz in mehreren Schichten führt zu einer dunklen, opaken Fläche, die den Bildträger völlig verdunkelt und einen expliziten Bruch mit dem Realismus der fotografischen Vorlage bedeutet. Rainer fügt in Kohle schwarze Tropfen hinzu und zeichnet das linke Auge der Figur in einer Weise ein, die sich ungeachtet aller karikierenden Züge als mimetisch beschreiben lässt. Noch ein weiteres Motiv fungiert als Bindungsglied zwischen Realismus und abstrakter Gestik: Der Abdruck der Hand des Künstlers am rechten Bildrand bringt den Körper des Künstlers ein zweites Mal ins Spiel. Tritt Rainer bereits in der Fotoséance als Akteur auf, dessen Posen und Gesten sich auf dem Negativ einschreiben, so dokumentiert er in dem Abdruck seiner Hand zum zweiten Mal seine physische Präsenz im Bild.
vgl. Christina Natlacen, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 268.
