Frau im Lehnstuhl
Oskar Kokoschka
1912
Die überaus feine, mit schwarzer Kreide ausgeführte Darstellung einer mit aufgestütztem rechten Arm auf einem Sessel sitzenden jungen Frau zeigt Kokoschkas Zeichenkunst voll entfaltet. In der unterschiedlichen Intensität der Linien liegt der besondere Reiz dieses Blattes. Kokoschkas Zeichenkunst nahm ihren Ausgang von #Klimts Zeichnungen, die er anlässlich der Klimt-Ausstellung in der Galerie Miethke zusammen mit der letzten Fassung der Fakultätsbilder im Sommer 1907 im Original studieren konnte.
Kokoschka nahm selbst zu den Anfängen seiner Zeichenweise Stellung, indem er Unterschiede und Ähnlichkeiten seiner grafischen Schöpfungen zu denen von Klimt feststellte. Auch in seinen Zeichnungen dominierten Akte und Halbakte junger Mädchen. Klimts Zeichenstil beschrieb Kokoschka als streng linear, ohne Schatten, wohingegen seine Linien unterbrochen wären und nicht so gleichmäßig, sondern manchmal dünner und dann wieder dicker verliefen. Der Hauptunterschied bestand aber darin, dass Klimt seine Modelle in vollkommener Ruhe, stehend oder sitzend darstellte, während Kokoschka sie in Aktion festhielt. Dass er in den Jahren 1908/09 auch Gelegenheit hatte, in Privatsammlungen wie der von #Fritz Waerndorfer, dem kommerziellen Direktor der Wiener Werkstätte, die Arbeiten von #Beardsley ebenso wie die von #Gauguin und #Rodin kennen zu lernen, war Kokoschka sehr zugute gekommen; wichtig war für ihn auch die frühe Zeichenweise #van Goghs. Gleichzeitig lag Kokoschka daran, die psychische Situation seiner jungen Geschöpfe wiederzugeben. Angeregt von Objekten der naturhistorischen Sammlungen des Kaiserhauses, im Speziellen von den Tätowierungen der Maori, entfaltete er im Plakat und den Szenenbildern zu seinem Drama "Mörder. Hoffnung der Frauen" eine sehr expressive Ausdruckskunst, mit der ihm in Berlin 1910 unter Gleichgesinnten der Durchbruch gelang. Bei seinem Aufenthalt in dieser Stadt erfuhr seine Kunst eine weitere Bereicherung, als er im Cabaret Wintergarten bei Premieren als zeichnender Berichterstatter für die Zeitschrift "Der Sturm" arbeitete.
1912 widmete sich Kokoschka vermehrt der Porträtzeichnung. Damals entstanden die Bildnisse #Anton von Weberns und #Vaclav Nijinskijs. Mit einer vibrierenden, äußerst subtilen Zeichenweise verlieh er der geistigen Potenz der Porträtierten Ausdruck, so auch im vorliegenden Blatt. Die suggestive Andeutung des Stuhles, die wohl erst nach Fertigstellung der in der Diagonale wiedergegebenen Figur erfolgte, verankert diese in der Bildfläche - eine Besonderheit, die auch in anderen Zeichnungen bei Sitz- und Liegefiguren, etwa bei den Studien der Liebespaare, mit denen Kokoschka sein berühmtestes Gemälde "Die Windsbraut" von 1913 vorbereitete, festzustellen ist.
Alice Strobl, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 221.
