"Ecce Homo" (Fabelwesen, zusammengesetzt aus einem Engel, der mit dem Fernglas zum Mond schaut, und einem Esel, der Disteln frisst)
Christoph Nathe
1798
Wiedergabe der Darstellung in einer seitengleichen Radierung von #Chr. G. Geyser als Titelkupfer zu Bd. 2 von Johann Jacob Mnioch's sämtliche(n) auserlesene(n) Schriften, Görlitz 1799; Darst. 105 x 66 mm, bez. li. u.: "Nathe del.", re. u.: "G.Geyser sc." (Albertina-Exemplar: AAD, Bd. 88, Bl. 118; vgl. Rümann 1932, Nr. 87; Buchexemplar der Österreichischen Nationalbibliothek Sign. 159.422-A.2). - Die Darstellung wird auf S. 357ff. ausführlich beschrieben: "Ecce Homo ! Die Offenbarung, d. i. Erklärung des Titelkupfers. Und siehe, ich sah ein Thier wunderbarer Gestalt ! Es ging auf vier Füßen, und sein Leib war gleich dem Leib eines Esels, aber oben formt' es sich in zwey Gestalten. - Ein Eselshaupt mit Zaum und Gebiß bog sich hinab zu den Disteln links am Wege, und eine Engelsfigur mit Fliegeln und Armen schaute rechts hinauf zu dem Mond und den Sternen, und betrachtete den Himmel durch einen Tubus. Und beide Gestalten waren Eins ! Aber der Zügel, der in der linken Hand der Engelsgestalt lag, ließ nach, also daß des Esels Maul die Disteln brechen konnte, und die rechte Hand hob sich höher mit dem Tubus, indem die linke sank. Und beide Gestalten waren Eins, aber im Widerstreit. Denn es strebten die Fliegel an den Schultern des Engels gewaltig, und schlugen die Luft, als wollten sie hinauf, - und die Kniee des Esels beugten sich der Erde zu, und sein Hals streckte sich gegen den Boden, und sein Maul zerrte am Zügel. Und siehe, aus einem Distelthal in der Nähe erhoben sich Esels-Häupter und schrieen: 'Bruder, zerreiße den Zügel und komm' herab !' Und aus den Wolken schauten gefliegelte Engels-Köpfe und riefen: 'Mache dich frey, lieber Bruder, und wage den Fittig in den Äther !' Aber beide Gestalten blieben Eins, und es fehlten dem Thiere die Flügel, und dem Engel die Beine, und der Widerstreit blieb ! - Da rief eine freundliche Stimme durch die Luft (und ein sanft strahlender Schein bezeichnete ihren Weg vom Himmel hinab): 'Trennet euch nicht, quälet euch nicht, bleibet beisammen noch eine Zeit ! - Mag das Thier sich weiden an den Disteln zu den Seiten des Weges, und der Engel an den Sternen über ihm. Aber die Distel, wie der Stern, leite nicht ab, weder rechts noch links von der Straße, die vor euch gezeichnet ist, welche Straße führet zum heiligen Lande der Verwandlung ! Vernimm es, du Widerstreit in Einem Wesen, du Disteln- und Sternen-Freund, - es ist die Zeit der Verzauberung, in der du jetzo dahingehst: - denn du wurdest geschaffen kein Engel und kein Thier, - kein Mittelding zwischen Beiden, und kein zänkisches Gespann von Beiden; sondern ein schöner vollendeter Mensch, ein harmonischer Verein der phisischen und moralischen Welt, der Natur und der Freiheit. Und deine harmonische Gestalt wird wiederkommen, und der Friede in deinem Innern wiederkehren, wenn du getreu bleibst dem Wege, der vor dir gezeichnet ist: denn er führt zum heiligen Lande der Entzaubrung !'"
zitiert aus: Konrad Oberhuber (Hg.), Maren Gröning, Marie Luise Sternath (Bearb.), Die deutschen und Schweizer Zeichnungen des späten 18. Jahrhunderts, Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Graphischen Sammlung Albertina, Bd. IX, Wien u.a. 1997, S. 176, Nr. 595.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/18206/ecce-homo-fabelwesen-zusammengesetzt-aus-einem-engel-deImage Request