Herkules und Acheloos
Giovanni Giacomo Caraglio
1520-1539
Gian Giacomo Caraglios Stiche entstanden nach Vorzeichnungen von Rosso Fiorentino, der die Darstellungen nach Vasari (Bd. V, S. 424) direkt zur Verbreitung in der Druckgrafik geschaffen hat. Keiner der Entwürfe zu den Szenen ist erhalten, von denen nur zwei, "Herkules tötet Kerberos" und "Herkules tötet die lernäische Hydra", den zwölf berühmten Heldentaten angehören. Eine spezifische literarische Quelle konnte bislang nicht nachgewiesen werden. Die Stiche gehören aufgrund der Originalität ihrer Erfindungen, ihres spannungsreichen Aufbaus und ihrer Expressivität, die durch raffinierte dekorative Detailformen aufgelockert wird, zu den eindrucksvollsten Schöpfungen Rossos in Rom. In der plastischen Körperauffassung manifestiert sich Rossos Auseinandersetzung mit der Antike, und zugleich sind Einflüsse #Michelangelos und der Werke #Raphaels und seiner Werkstatt zu erkennen, wenngleich selten direkte Motivübernahmen anzutreffen sind. Wie Caroll bemerkt hat (AK Washington 1987/88, S. 76), trifft in den Stichen das Licht von links ein, wobei die Hauptgruppe in klaren, sofort überschaubaren Bewegungen zumeist an der Vorderebene dargestellt ist. Der Hintergrund ist zumeist vollständig ausgefüllt, wobei Caraglio mit wenigen Mitteln die jeweilige Örtlichkeit höchst eindrucksvoll charakterisiert und in den ständig variierten Wolkenformationen die Stimmung der Szene weiterwirken lässt. Der schmale Streifen am unteren Bildrand war wohl für eine Inschrift vorgesehen.
Die Darstellung zeigt den Kampf, der sich zwischen Herkules und dem Flussgott Acheloos um Deianeira entspann. Acheloos nahm die Form eines Stieres an, dem Herkules im Verlauf des Kampfes ein Horn abbrach und damit besiegte. Eindrucksvoll, wie der massige Körper des Tieres unter dem Gewicht des Herkules niedergebrochen ist, der den Kopf mit seinem Knie zu Boden drückt, wobei der Atem des erschöpften Tieres in den Wellen des Flusses weiterzugleiten scheint. Vermutlich waren Szenen auf Herkules-Sarkophagen, wie dem Exemplar im Palazzo Torlonia (Bober/Rubinstein 1986, S. 170 f., Nr. 134) oder Darstellungen auf Kameen vorbildlich (Furtwängler 1900, Bd. 1, Taf. XVIII, Nr. 17), die Rosso jedoch ungleich dynamischer wiedergibt und die Bewegung ins Raumhafte umsetzt. Die karge feuchte Sumpflandschaft, über der dunstige Wolkenschwaden liegen, wird durch die eleganten Bewegungen der Hesperiden mit ihren geschwungenen Füllhörnern belebt. Nach der Mythologie wurde das abgebrochene Horn, das Herkules zum Tartarus trug, von den Hesperiden mit goldenen Früchten gefüllt, woraus die "Cornucopia" entstand (AK Washington 1987/88, S. 75; siehe auch AK Providence 1973, S. 78).
Nach #Vasari hatte #Baviero de´Carocci, der für den Druck und den Vertrieb der Stiche zuständig war, Rosso überzeugt, einige seiner Erfindungen von Caraglio stechen zu lassen. Die Herkulesserie entstand nach dem ersten Blatt dieser Zusammenarbeit, der "figura di notomia secca, che ha una testa di morte in mano e siede sopra un serpente, mentre un cigno canta..." (Vasari, Bd. V, S. 424; Bartsch 1803-1821, Bd. 15, S. 92 f., Nr. 58) und wird von Carroll (AK Washington 1987/88, S. 75) gegen Ende 1524 datiert. Auch die Stichtechnik bestätigt diese Entstehungszeit. Gegenüber der Serie der Götter in Nischen von 1526 mit ihren kurzen, dicht ineinandergreifenden Strichlagen, die dem Körper vollkommene Rundung und Geschmeidigkeit zu geben vermögen, treten bei den Figuren der Herkulesserie die Umrisse stärker hervor. Zudem wirkt die Modellierung spröder, da die Strichlagen noch breiter sind, sich in unregelmäßigen Flecken überlagern und hart an die lichtbestrahlten Partien anstoßen. Das kontrastreiche Helldunkel mag dabei von #Marcantonio Raimondis Stichen der frühen zwanziger Jahre, wie "Herkules und Antaeus" (Inv. DG1971/357) angeregt sein. Im Unterschied zur "Anbetung der Hirten" von 1526, in dem die Landschaft in feinen Tonabstufungen wiedergegeben ist, begnügt sich Caraglio mit einer summarischen Angabe des Hintergrundes durch einfache, langgezogene Linien. Im Stil engstens verwandt ist Caraglios "Martyrium des heiligen Paulus und die Verurteilung des heiligen Petrus" (Bartsch 1803-1821, Bd. 15, S. 71 f., Nr. 8) von ca. 1524/25, auf dem ähnliche Wolkenformationen wie auf dem Stich "Herkules tötet Nessus" erscheinen. Dies bestätigt einmal mehr die Datierung der Herkulesserie.
Zu den Kopien nach den Stichen und zu ihrer großen Wirkung siehe: Borea 1980, S. 248. Zur Verwendung der Darstellungen auf französischen Emails und italienischen Majoliken, siehe Caroll (AK Washington 1987/88, S. 78, S. 88 ff.).
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb.262, S.352-353.
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