Herkules tötet die lernäische Hydra
Giovanni Giacomo Caraglio
um 1524-1525
Platte: 21,7 x 17,9 cm
Gian Giacomo Caraglios Stiche entstanden nach Vorzeichnungen von Rosso Fiorentino, der die Darstellungen nach Vasari (Bd. V, S. 424) direkt zur Verbreitung in der Druckgrafik geschaffen hat. Keiner der Entwürfe zu den Szenen ist erhalten, von denen nur zwei, "Herkules tötet Kerberos" und "Herkules tötet die lernäische Hydra", den zwölf berühmten Heldentaten angehören. Eine spezifische literarische Quelle konnte bislang nicht nachgewiesen werden. Die Stiche gehören aufgrund der Originalität ihrer Erfindungen, ihres spannungsreichen Aufbaus und ihrer Expressivität, die durch raffinierte dekorative Detailformen aufgelockert wird, zu den eindrucksvollsten Schöpfungen Rossos in Rom. In der plastischen Körperauffassung manifestiert sich Rossos Auseinandersetzung mit der Antike, und zugleich sind Einflüsse #Michelangelos und der Werke #Raphaels und seiner Werkstatt zu erkennen, wenngleich selten direkte Motivübernahmen anzutreffen sind. Wie Caroll bemerkt hat (AK Washington 1987/88, S. 76), trifft in den Stichen das Licht von links ein, wobei die Hauptgruppe in klaren, sofort überschaubaren Bewegungen zumeist an der Vorderebene dargestellt ist. Der Hintergrund ist zumeist vollständig ausgefüllt, wobei Caraglio mit wenigen Mitteln die jeweilige Örtlichkeit höchst eindrucksvoll charakterisiert und in den ständig variierten Wolkenformationen die Stimmung der Szene weiterwirken lässt. Der schmale Streifen am unteren Bildrand war wohl für eine Inschrift vorgesehen.
Der Stich "Herkules tötet die Hydra von Lerna" ist hinsichtlich der bizarren Detailformen und der durchdachten kompositionellen Anlage die eindrucksvollste Komposition der Serie. Herkules drängt mit großem Schritte und erhobener Keule nach vorne und würgt mit der Rechten einen der Köpfe der Schlange am Hals, die sich vergeblich an seinem Oberschenkel zu krallen sucht. Genauso wenig auszurichten vermag die Riesenkrabbe, die Hera zur Unterstützung der Hydra geschickt hatte und Herkules in den Fuß zwickt. Die Raumhaftigkeit der Pose kommt durch die starken Verkürzungen der Arme und das herabgleitende Löwenfell zum Ausdruck, dessen Schwanz Herkules hinter sich herzieht. Durch die Hinzufügung der Figur des Iolaos mit flammenden Haaren und Bart rechts, der mit seiner Fackel die Wunden ausbrennt, um das Nachwachsen der abgeschlagenen Köpfe zu verhindern, entsteht eine rotierende Bewegung um das Ungeheuer im Zentrum. Das bewaldete Bergmassiv im Hintergrund mit seinen vom oberen Bildrand überschnittenen Bäumen und die Pose des Iolaos, der die Fackel wie einen Hebel gegen die Hydra ansetzt, erinnert entfernt an die von #Polidoro Caldara und #Giulio Romano gemalte Szene der "Auffindung der Sarkophage" in der Villa Lante auf dem Gianicolo (Lilius 1981, Bd. 2, Taf. 52) von 1524, die Rosso vielleicht durch Entwürfe kannte.
Nach #Vasari hatte #Baviero de´Carocci, der für den Druck und den Vertrieb der Stiche zuständig war, Rosso überzeugt, einige seiner Erfindungen von Caraglio stechen zu lassen. Die Herkulesserie entstand nach dem ersten Blatt dieser Zusammenarbeit, der "figura di notomia secca, che ha una testa di morte in mano e siede sopra un serpente, mentre un cigno canta..." (Vasari, Bd. V, S. 424; Bartsch 1803-1821, Bd. 15, S. 92 f., Nr. 58) und wird von Carroll (AK Washington 1987/88, S. 75) gegen Ende 1524 datiert. Auch die Stichtechnik bestätigt diese Entstehungszeit. Gegenüber der Serie der Götter in Nischen von 1526 mit ihren kurzen, dicht ineinandergreifenden Strichlagen, die dem Körper vollkommene Rundung und Geschmeidigkeit zu geben vermögen, treten bei den Figuren der Herkulesserie die Umrisse stärker hervor. Zudem wirkt die Modellierung spröder, da die Strichlagen noch breiter sind, sich in unregelmäßigen Flecken überlagern und hart an die lichtbestrahlten Partien anstoßen. Das kontrastreiche Helldunkel mag dabei von #Marcantonio Raimondis Stichen der frühen zwanziger Jahre, wie "Herkules und Antaeus" (Inv. DG1971/357) angeregt sein. Im Unterschied zur "Anbetung der Hirten" von 1526, in dem die Landschaft in feinen Tonabstufungen wiedergegeben ist, begnügt sich Caraglio mit einer summarischen Angabe des Hintergrundes durch einfache, langgezogene Linien. Im Stil engstens verwandt ist Caraglios "Martyrium des heiligen Paulus und die Verurteilung des heiligen Petrus" (Bartsch 1803-1821, Bd. 15, S. 71 f., Nr. 8) von ca. 1524/25, auf dem ähnliche Wolkenformationen wie auf dem Stich "Herkules tötet Nessus" erscheinen. Dies bestätigt einmal mehr die Datierung der Herkulesserie.
Zu den Kopien nach den Stichen und zu ihrer großen Wirkung siehe: Borea 1980, S. 248. Zur Verwendung der Darstellungen auf französischen Emails und italienischen Majoliken, siehe Caroll (AK Washington 1987/88, S. 78, S. 88 ff.).
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 260, S. 352-353.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/186209/herkules-totet-die-lernaische-hydraImage Request