Zwei männliche Aktstudien zum Narziß der "Werbung"
Johann Hans Reinhard von Marées
um 1885
Die Fresken der Bibliothek in der Zoologischen Station in Neapel aus dem Jahre 1873 bedeuteten für Hans von Marées die erste Möglichkeit für die Erfüllung seines künstlerischen Wollens. Sein Ideal lag in der monumentalen Gestaltung mit übergreifenden Zusammenhängen. Eine ähnliche Aufgabe wie in Neapel sollte dem Künstler nie mehr geboten werden. Ersatz für die Ausführung von Bilderwänden fand er in seinen Triptychen, die ihm in formaler Hinsicht ebenfalls untereinander zusammenhängende Gestaltungen ermöglichten. Das vierte und letzte seiner dreiflügeligen Bilder, "Die Werbung ", entstand in den Jahren 1883/84 - 1887 (Gerlach-Laxner 1980, Kat. Nr. 162 und 163). Die linke Tafel zeigt ein Liebespaar, die mittlere die Brautwerbung, die rechte den Jüngling Narziß, der sein Spiegelbild in einem Wasserlauf betrachtet. Für dieses Triptychon hat Marées zumindest die Flügelbilder in jeweils zwei Fassungen ausgeführt, wobei jedoch nur mehr die beiden Versionen des rechten Flügels mit der Darstellung des Narziß erhalten sind.
Die Zeichnung der Albertina zeigt Entwürfe zu beiden Fassungen des Narziß. Bereits Meier-Graefe bringt davon die linke der beiden Studien mit der ersten Fassung des Gemäldes in Zusammenhang (Meier-Graefe 1909/10, II, Nr. 907). Dort erscheint der Jüngling jedoch in Frontalansicht. Die rechte Studie ist in Verbindung mit der zweiten Fassung des Narziß zu sehen. Die beiden nebeneinander gesetzten Entwürfe kennzeichnet eine sehr unterschiedliche Zeichenweise. Dies könnte bedeuten, daß sie nicht gleichzeitig entstanden sind. Christian Lenz beschreibt den energischen Duktus und den kräftigeren Ton des Rötels der rechten Skizze und zieht daraus den Schluß, "daß Marées hier eine Alternative zu der linken hevorheben wollte, die offenbar vorher entstanden ist" (AK München/Neue Pinakothek 1987/88, Kat. Nr. 100). In großer Nähe zu den beiden Albertina-Entwürfen stehen Zeichnungen in Mannheim, Berlin und München (vgl. AK München/Neue Pinakothek 1987/88, Kat. Nr. 99 und100). Alle diese heute bekannten Studien zum "Narziß" unterscheiden sich oft nur durch minimale Motivabänderungen voneinander. Das kontinuierliche "Probieren" bei der Entwurfsarbeit stellt Kuhn in seinen Ausführungen zu Figurierung und Komposition bei Hans von Marées als geradezu charakteristisch dar (AK München/Neue Pinakothek 1987/88, S. 71 ff). Der Künstler geht von Grundstellungen und Grundrichtungen einer Figur aus und sucht nach einer "leibinternen Stimmigkeit". Die in zeitloser Haltung und Geste verharrende menschliche Gestalt vermag dann eine "Gestimmtheit" auszudrücken, die erkannt und verstanden werden kann.
Von Dürer bis Rauschenberg, eine Quintessenz der Zeichnung; Meisterwerke aus der Albertina und dem Guggenheim, Wien 1991, S. 142, Abb. 50.
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