Walchensee im Winter
Lovis Corinth
Januar 1923
Am oberbayrischen Walchensee besaß Lovis Corinth seit 1919 ein Holzhaus und verbrachte dort regelmäßig Sommer und Winter. In knapp 60 Gemälden und unzähligen Zeichnungen hat der Künstler den See in unterschiedlichen Stimmungen festgehalten. Hier führt er den Blick des Betrachters an einem laublosen Baum vorbei über die schneebedeckte Wiese im Vordergrund zum noch eisfreien blauen See, der von dunklen Hügeln umgeben ist. Mit den für sein Spätwerk typischen breiten, expressiven Pinselstrichen hat Corinth die winterliche Kühle und Stille der Landschaft eindrucksvoll eingefangen.
Lovis Corinth, dessen Kunst die deutsche Malerei des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts bis in die Zwischenkriegsjahre stark beeinflusste, war ein Maler aus Berufung. Kaum ein Genre der Malerei, dem er sich nicht zuwandte und in dem er nicht wegweisende Lösungen fand. Angesichts seines reichhaltigen und vielfältigen Œuvres verbieten sich stilistische Einordnungen. Sein Naturalismus, sein Impressionismus, sein Expressionismus, ja sein Tachismus sind persönliche Lösungen für die jeweils gestellte künstlerische Aufgabe. Jedes seiner Werke trägt die Leidenschaft dieses kraftvollen Charakters an den Betrachter heran, mit der er auch für die Erneuerung der deutschen Kunst eintrat.
Die Albertina besitzt eine große Anzahl von Werken Corinths, darunter einige Zeichnungen, Radierfolgen, Lithografien, jedoch nur zwei Aquarelle. Das Aquarell ist ein Medium, das Corinth meisterhaft beherrschte. Die beiden Blätter (siehe auch Inv. 23284) vermitteln dem Betrachter die Bewegtheit von Corinths Malprozess, der sich unabhängig von Technik und Bildgegenstand zeigt. Corinth war 64 Jahre alt, als er diese Blätter in seinem Haus am Walchensee schuf. In der bayerischen Bergwelt hatte er, nach den kämpferischen Jahren in München und Berlin, wo er in der Nachfolge #Max Liebermanns auch Präsident der Berliner Sezession war, den Rückzug von den Auseinandersetzungen um die deutsche Kunst und die Durchsetzung seiner eigenen Vorstellungen gesucht und gefunden.
"Walchensee im Winter", nur einige Monate nach der "Blumenvase" (Inv. 23284) entstanden, führt den Blick des Betrachters durch die entlaubten Zweige eines Baumes über ein Schneefeld im Vordergrund zu der noch eisfreien blauen Fläche des Sees im Mittelgrund. Die an das gegenüberliegende Ufer angrenzenden dunklen Hügel werden von einer grauen Wolke überzogen, die im aschfahlen Winterhimmel hängt. Die Stille und Ruhe, die dieses Aquarell ausstrahlt, gemahnen wieder an die Vergänglichkeit des Lebens. Nur zwei Jahre später stirbt Lovis Corinth.
vgl. Margarete Heck, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 224.
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