Alfred Kubin, Hünengrab, Inv. Nr.: 31356
Hünengrab
Alfred Kubin, Hünengrab, Inv. Nr.: 31356
Credit: ALBERTINA, Wien. Leihgabe Artothek des Bundes Image: ALBERTINA, Wien Copyright: © Eberhard Spangenberg, München / Bildrecht, Wien 2026

Hünengrab

Alfred Kubin

1900-1902




Das zwischen 1899 und 1904 in München entstandene Frühwerk Alfred Kubins bildet den frühen Höhepunkt seines fast sechzigjährigen künstlerischen Schaffens: Es sind albtraumhafte Visionen, die traumatische Kindheitserinnerungen, Ängste, Träume, Irrationales und Abseitiges reflektieren. Häufig spielen Tiere oder fantastische Mischwesen die Hauptrolle, mittels derer Kubin das Wirken primitiver Gewalt, animalische Sexualität oder Götzenkulte in einprägsame Metaphern fasst. Angeregt durch die fantastische Literatur von Edgar Allan Poe bis E. T. A. Hoffmann, zählt Kubin insbesondere Hieronymus Bosch, Pieter Bruegel und Francisco de Goya sowie die Künstler des Symbolismus zu seinen künstlerischen Vorbildern. Die wahnhafte, zwischen Realität und Fiktion changierende Motivik von Kubins Kompositionen steht in einem spannungsvollen Verhältnis zu ihrer technischen Virtuosität und jugendstilhaften Schönlinigkeit. Treffend bezeichnet Lyonel Feininger die Tuschfederzeichnungen Kubins einmal als „Federgemälde“.


Künstler:in (Litoměřice (Leitmeritz) 1877 - 1959 Zwickledt)
Date1900-1902
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesTusche, laviert, gespritzt, Deckweiß
DimensionsBlatt: 26,8 × 33,3 cm
CreditALBERTINA, Wien. Leihgabe Artothek des Bundes
Object number31356
Signedr.u. "Kubin"
Text

Alfred Kubin gibt in mehreren Selbstzeugnissen Auskunft über sich. Obwohl diese ein hohes Maß an Selbststilisierung aufweisen, lässt sich doch eine Fülle zeichnerischer Motive in seinem Werk auf die dort geschilderten jugendlichen Eindrücke und einschneidenden traumatischen Ereignisse zurückführen.
Seine ersten Lebensjahre verbringt Kubin mit der Mutter allein, bis der Vater, eine Autoritätsperson und von Beruf Landvermesser, zur Familie zurückkehrt. Kubin ist zehn Jahre alt, als die Mutter stirbt, im Jahr darauf stirbt auch die Stiefmutter. Der Junge versagt in verschiedenen Schulen. Als letzten Versuch, dem Sohn eine Ausbildung zu verschaffen, schickt ihn der Vater zu einem verwandten Fotografen in die Lehre. Kubin bleibt vier Jahre dort, dann kommt es zur seelischen Krise. Ein Selbstmordversuch am Grab der Mutter scheitert. Alfred Kubin bemüht sich nun, für ein Jahr als Freiwilliger in die Armee aufgenommen zu werden, doch nach drei Wochen Militärzeit bricht er psychisch zusammen. Der Vater nimmt ihn wieder auf, Kubin erholt sich während einer einjährigen Rekonvaleszenzzeit. 1898 schließlich geht er zum Studium der Kunst nach München. Die Begegnung mit #Max Klingers Radierzyklus "Paraphrase über den Fund eines Handschuhs" setzt 1899 eine Schaffensenergie frei, der sich das Frühwerk mit seinen aus dem Unbewussten geschöpften Symbolen verdankt.
Im "Hünengrab" sind persönliche Begegnungen mit Tod und Sterben und mit väterlicher Macht verarbeitet. Die monumentale Endgültigkeit jedoch, mit der die Kopflandschaft gestaltet ist, zielt auf Allgemeingültiges: die Beherrschung des Lebens durch unbekannte und schicksalhafte Kräfte, durch den Tod. Die Schicksalsmacht, die hier als Kopf eines an #Friedrich Nietzsches Physiognomie gemahnenden Kriegers erscheint, braucht nicht zu handeln. Umgeben von Schweigen und Dämmerung, ist allein ihre Präsenz mit dem weiß leuchtenden Gebiss eine Drohung. Diese Erscheinung kann mit keiner bekannten Erfahrung der äußeren Welt in Zusammenhang gebracht werden, auch wenn Hünengrab als archäologischer Begriff auf Reales verweist.
Deutungshilfe gibt das Wissen um das philosophisch grundierte Weltbild Kubins (z.B. Inv. 33977). Dessen Eckpfeiler sind #Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche. Kubin scheint im Hünengrab - wie in vielen seiner frühen Werke - bildliche Äquivalente zum Pessimismus Schopenhauers zu schaffen, nach dem "das Schicksal allgewaltig ist, daher mit ihm zu kämpfen die lächerlichste aller Vermessenheiten wäre" (zit. nach: AK Baden-Baden 1977, S. 213).

Regina Doppelbauer, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 204.

Bibliography
  • Schmied 1967, Tf. 41 (dort datiert 1900-1902)
  • AK Winterthur 1986, Abb. S. 97 (dort datiert 1902/03)
  • AK München/Hamburg 1990/91, S. 243, Nr. 65 (dort nur Verweis auf das Blatt mit Datierung 1905), S. 258
  • AK Paris 2007/08, S. 72, Nr. 7
  • Schröder 2008, Nr. 204 (R. Doppelbauer)
  • Luckhardt, Ulrich (Hg.), Lyonel Feininger, Alfred Kubin - eine Künstlerfreundschaft (ersch. anlässlich der Ausstellung Lyonel Feininger, Alfred Kubin - Eine Künstlerfreundschaft
  • Internationale Tage Ingelheim, Altes Rathaus, Ingelheim, 24. Mai - 2. August 2015
  • Albertina, Wien, 4. September 2015 - 10. Januar 2016), Ostfildern 2015, S. 83 (Abb.).

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