Hünengrab
Alfred Kubin
1900-1902
Alfred Kubin gibt in mehreren Selbstzeugnissen Auskunft über sich. Obwohl diese ein hohes Maß an Selbststilisierung aufweisen, lässt sich doch eine Fülle zeichnerischer Motive in seinem Werk auf die dort geschilderten jugendlichen Eindrücke und einschneidenden traumatischen Ereignisse zurückführen.
Seine ersten Lebensjahre verbringt Kubin mit der Mutter allein, bis der Vater, eine Autoritätsperson und von Beruf Landvermesser, zur Familie zurückkehrt. Kubin ist zehn Jahre alt, als die Mutter stirbt, im Jahr darauf stirbt auch die Stiefmutter. Der Junge versagt in verschiedenen Schulen. Als letzten Versuch, dem Sohn eine Ausbildung zu verschaffen, schickt ihn der Vater zu einem verwandten Fotografen in die Lehre. Kubin bleibt vier Jahre dort, dann kommt es zur seelischen Krise. Ein Selbstmordversuch am Grab der Mutter scheitert. Alfred Kubin bemüht sich nun, für ein Jahr als Freiwilliger in die Armee aufgenommen zu werden, doch nach drei Wochen Militärzeit bricht er psychisch zusammen. Der Vater nimmt ihn wieder auf, Kubin erholt sich während einer einjährigen Rekonvaleszenzzeit. 1898 schließlich geht er zum Studium der Kunst nach München. Die Begegnung mit #Max Klingers Radierzyklus "Paraphrase über den Fund eines Handschuhs" setzt 1899 eine Schaffensenergie frei, der sich das Frühwerk mit seinen aus dem Unbewussten geschöpften Symbolen verdankt.
Im "Hünengrab" sind persönliche Begegnungen mit Tod und Sterben und mit väterlicher Macht verarbeitet. Die monumentale Endgültigkeit jedoch, mit der die Kopflandschaft gestaltet ist, zielt auf Allgemeingültiges: die Beherrschung des Lebens durch unbekannte und schicksalhafte Kräfte, durch den Tod. Die Schicksalsmacht, die hier als Kopf eines an #Friedrich Nietzsches Physiognomie gemahnenden Kriegers erscheint, braucht nicht zu handeln. Umgeben von Schweigen und Dämmerung, ist allein ihre Präsenz mit dem weiß leuchtenden Gebiss eine Drohung. Diese Erscheinung kann mit keiner bekannten Erfahrung der äußeren Welt in Zusammenhang gebracht werden, auch wenn Hünengrab als archäologischer Begriff auf Reales verweist.
Deutungshilfe gibt das Wissen um das philosophisch grundierte Weltbild Kubins (z.B. Inv. 33977). Dessen Eckpfeiler sind #Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche. Kubin scheint im Hünengrab - wie in vielen seiner frühen Werke - bildliche Äquivalente zum Pessimismus Schopenhauers zu schaffen, nach dem "das Schicksal allgewaltig ist, daher mit ihm zu kämpfen die lächerlichste aller Vermessenheiten wäre" (zit. nach: AK Baden-Baden 1977, S. 213).
Regina Doppelbauer, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 204.
