Porträt eines Maréchal de France
Hyacinthe Rigaud
um 1715-1720
Mit aufrechter Haltung, die rechte Schulter etwas vorgeschoben und die Hände auf einem Stab gestützt, blickt er am Betrachter vorbei in eine Landschaft außerhalb des Bildes. Dem zur Zeit des Herzogs erstellten Inventarverzeichnis der Albertina zufolge handelt es sich um einen maréchal de France. Der Wams, der Stab und der Helm weisen darauf hin. Marschäle waren die obersten Armeebefehlshaber des Landes. Es ist erstaunlich, dass die Identifizierung des Marschals auf der Zeichnung der Albertina nicht gelingen mag, zumal die Zahl der Marschäle in Frankreich überschaubar war. Rigaud hat Zeichnungen immer nach den fertigen Porträtgemälden und niemals für deren Vorbereitung ausgeführt. Der Name des Porträtierten war deshalb entweder traditionell mit dem Gemälde verbunden und in einem Auftragsbuch überliefert. Darüber hinaus weisen Porträtstiche mit Legenden auf den jeweils Porträtierten hin.
Die Porträtzeichnungen überließ Rigaud mitunter dem Auftraggeber als Erinnerungsstück oder er bewahrte sie für sein eigenes visuelles Archiv auf. Mit ihm hielt er zurückliegende Aufträge fest, oder er sammelte die Zeichnungen, um künftige Auftraggeber über die Möglichkeiten zu beraten, wie er im Gemälde aussehen sollte, welche Haltung er einnehmen wollte, wie er bekleidet sein sollte und welche Gestik und Mimik sein Aussehen vorteilhaft zur Geltung bringen würde.
Eine solche Funktion scheint auf die Zeichnung der Albertina zuzutreffen: Alles ist sehr bild- und anschauungsgerecht, äußerst sorgfältig und mit Liebe zum Detail gezeichnet. Modellhaft posiert der Marschal vor dem Porträtmaler. Bildgerecht ist er gekleidet; seine Seidenschärpe ist sorgfältig um den Körper drapiert und entfaltet sich an ihren Enden in die Bildfläche wie eine separat studierte und modellierte Gewandstudie. Die mit Deckweiß und weißer Kreide gesetzten Glanzlichter beschreiben mit größter Genauigkeit gestickte Manschetten und einen mit Spitzen besetzten Hemdkragen.
Rigaud war der Sohn eines Schneiders, was möglicherweise seinen Sinn für prächtiges Gewand schärfte. Er begann als Historienmaler im südfranzösischen Montpellier und wandte sich danach nach Paris, wo er sich in der Porträtmalerei spezialisierte. Er malte vor allem Mitglieder des Könighauses, der Aristokratie und des Klerus. Zahlreiche Reproduktionsstiche trugen zur Verbreitung seiner Porträts und seines Ruhms bei. Er betrieb eine große Werkstatt mit zahlreichen Mitarbeitern, die viele seiner Porträts vollendeten oder kopierten; er selbst legte dann nur in der Feinarbeit selbst Hand an. Gegebenenfalls hielt Rigaud die Porträts in seinem Auftragsbuch, dem livre de raison, fest. Es dokumentiert alle bedeutenden Aufträge nach erfolgter Bezahlung und gibt uns einen Anhaltspunkt über den Zeitpunkt der Ausführung einiger mit bedeutenden Porträts im Zusammenhang stehender Zeichnungen. Mitunter nennt das livre de raison auch Mitarbeiter, wie z.B. Charles Viennot, Francois Desportes, Joseph Parrocel und andere, die der Meister für übernommene Aufgaben – Gewand, Landschaft, Blumenstillleben -, im Gemälde bezahlt hat.
Nichts verrät die Mitarbeit eines Assistenten auf diesem Porträt der Albertina. Die Zeichnung ist wie aus einem Guss gearbeitet. Jedes Detail - von der Landschaft im Hintergrund über das Gesicht bis hin zur gepuderten Perücke und ihren Locken, die der Künstler mit schwarzer und weißer Kreide zart differenziert hat – ist ein mit größtem Feinsinn gezeichnetes Zeugnis der Meisterschaft Hyacinthe Rigauds.
Klaus Albrecht Schröder und Heinz Widauer (Hg.), Von Poussin bis David, Wien, Albertina, 2017, S. 54, Nr. 17.
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