Geburt Mariens
Francesco de Rossi, gen. Salviati
um 1540-1544
Leider ist nichts von der Existenz des Altarbildes mit oben gerundetem Abschluss bekannt, für das Francesco Salviatis eindrucksvoller Entwurf für als Vorlage diente. Der Entwurf ist zur Übertragung auf den Karton bereits quadriert.
Als Thema wird üblicherweise die "Geburt Mariens" angegeben, doch könnte auch die von Johannes dem Täufer dargestellt sein, da sich die beiden Eltern auf der Zeichnung einander zuwenden und unterhalten und der Vater mit den Fingern sein Kinn berührt, als wolle er auf den Wiedererhalt seiner Stimme hindeuten. Der Ikonographie dieser Szene entsprechend müsste Zacharias zwar den Namen seines Sohnes niederschreiben, doch D. McTavish (2000, S. 70, Anm. 7) hat festgestellt, dass dies ebenso wenig in Salviatis Fresko der "Geburt des Johannes des Täufers" im Oratorium von San Giovanni Decollato in Rom (1551) der Fall ist, in dem einzelne Gedanken des Wiener Entwurfs wiederkehren.
Eine wesentliche Anregung für die Gesamtkomposition lieferte #Andrea del Sartos von #Dürers Holzschnitt im "Marienleben" inspirierte "Geburt Mariä" (1514 datiert) in der Vorhalle der Santissima Annunziata in Florenz. In diesem Fresko reihen sich ebenfalls die Mägde mit dem neugeborenen Kind an der vorderen Bildebene parallel auf und bilden mit den anderen Dienerinnen im Hintergrund einen lockerer Kreis um das von einem prachtvollen Baldachin bekrönte Bett. Während die Posen bei Sarto jedoch völlig ruhig und statisch aufgefasst sind, drängt Salviati die Figuren in rhythmisch geschwungenen Bewegungen aneinander, lässt aufgeregte Engel Blumen streuen und bringt zusätzlich Farbe in die Darstellung durch die feine Modellierung und die brillanten Lichthöhungen. Sie wird so zu einem freudigen Ereignis.
Der Künstler verwendet wie bei Entwürfen für die während des Aufenthaltes in Venedig 1539-1540 geschaffenen Werke blaues Papier, was u. a. C. Monbeig-Goguel zu einer Datierung des Blattes gegen Anfang der vierziger Jahre veranlasst hat (in: AK Florenz/Chicago/Detroit 2002/03, S. 335 f.; vgl. dagegen die frühe Datierung von Mortari 1992, Nr. 554). Für eine Entstehungszeit nicht allzu lange nach der Reise in Norditalien sprechen auch parmigianineske Stilelemente, wie sie möglicherweise bei den Vasen tragenden Frauengestalten links im Hintergrund spürbar sind, sowie die Nähe zu den beiden Entwürfen für Teppichbordüren im Louvre um 1540-1542. Die Pose des Engels oder die Frisur Magdalenas in der 1540 für die Corpus Domini-Kirche in Venedig gemalten "Beweinung Christi" kehren zudem bei einzelnen Figuren auf unserer Zeichnung ähnlich wieder (vgl. AK Rom/Paris 1998, Nr. 23, 113-114).
Nach O. Benesch (1964, S. 332, unter Nr. 40) dürfte der Entwurf allerdings in die Jahre 1544-1548 fallen, was nicht ganz auszuschließen, aber angesichts der in dieser Zeit bereits wuchtigeren und kraftvolleren Figurenauffassung Salviatis weniger wahrscheinlich ist. In der Geburtsszene lassen die schwungvollen Bewegungen, die plastische Fülle und Rundung der Körper und der Zeichenstil mit den sorgfältig aufgetragenen Weißhöhungen an den Einfluss von #Giulio Romano denken, dessen Werke der Künstler bei seinem Aufenthalt in Mantua 1540 kennengelernt hat. Er begab sich auch nach Verona, wo er die von #Francesco Torbido nach Entwürfen Giulios gemalte "Geburt Mariens" (Hartt 1958, Abb. 425) in den 1534 gemalten Fresken des Domchors studieren konnte, wie J. Cox-Rearick (2001, S. 364) bemerkt hat. C. Monbeig-Goguel hat zudem auf die durch einen Stich von #Diana Scultori überlieferte "Geburt Johannes des Täufers" von Giulio hingewiesen, die kompositionelle Berührungspunkte mit unserer Darstellung aufweist (AK Rom/Paris 1998, Abb. S. 132). Da der Stich wohl erst zu einem späteren Zeitpunkt entstanden ist, kann der Künstler aber nur die Vorzeichnung oder eine ähnliche Studie gekannt haben. Im Unterschied zu Giulios ruhelosen, von ihren Leidenschaften und Instinkten getriebenen Figuren, verleiht Salviati den Bewegungen Grazie und Eleganz und unterstreicht dies durch die raffinierten Frisuren und dekorativ gefältelten Gewänder, die an der Oberfläche durch das Licht wie Edelmetall zu glänzen scheinen.
Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 90, S. 216.
