Hl. Markus
Piero Buonaccorsi gen. Perino del Vaga
1523 - 1525
Perinos Zeichnung des hl. Markus steht in Verbindung mit der Gewölbedekoration der Cappella del Crocifisso in der römischen Kirche S. Marcello al Corso, die 1519 durch ein Feuer zerstört, aber wenig später neu errichtet wurde. Nachdem der Künstler bereits mit der Dekoration der Cappella della Madonna Zeugnis von seinem Können abgelegt hatte, beauftragte ihn anschließend die Compagnia del Crocifisso, ihre Kapelle in dieser Kirche ausmalen zu lassen (Parma Armani, 1986, S. 262). Aus einem Vertrag vom 6. Ferbuar 1525 geht hervor, daß die Dekoration schon begonnen, aber durch Verschulden der Auftraggeber nicht weitergeführt worden war. Der Künstler habe die Dekoration bis zum 20. März 1526 zu Ende zu führen. Perino vollendete aber bis zum Sacco di Roma 1527 nur einen Teil: das zentrale Deckenbild mit der Erschaffung Evas sowie den Evangelisten Markus und sein Pendant Johannes, mit Ausnahme von dessen rechtem Arm und Kopf (Vasari, Ausg. Milanesi, Bd. 5, S. 610f.) Die beiden anderen Evangelisten Lukas und Matthäus wurden in einer zweiten Dekorationsphase nach veränderten Zeichnungen Perinos (Parma Armani, 1986, Fig. 63 - 64) 1540/43 von Daniele da Volterra vollendet. Eine Erklärung für die Unterbrechung der Arbeit könnte sein, daß sich der Künstler 1526 in Florenz aufhielt, falls jener Piero Buonaccorsi, der in diesem Jahr in der Medici-Kapelle in Florenz dokumentiert ist, tatsächlich mit Perino identisch ist (Wolk-Simon, 1989, S. 519). Beim Sacco 1527 floh der Künstler nach Genua und kehrte erst 1538 wieder nach Rom zurück. Ein früher Entwurf für die Gewölbedekoration, den der Künstler möglicherweise als Vorlage für die Auftraggeber schuf, befindet sich in Berlin (Mantua und Wien, 1999, Nr. 229). Auf diesem erscheint in dem zentralen Bildfeld die Darstellung eines segnenden Gottvaters, die Perino wohl auf Verlangen der Auftraggeber anschließend durch die Erschaffung Evas ersetzt hat. Da im Frühjahr 1525 die Dekoration der Kapelle bereits begonnen war und diese gemäß der üblichen Arbeitspraxis wohl an der höchsten Stelle, also in der Gewölbemitte einsetzte, dürfte Perino zu diesem Zeitpunkt bereits die Erschaffung Evas angefangen haben. Die Berliner Zeichnung mit dem segnenden Gottvater ist somit zuvor entstanden. Die Evangelisten Markus und Johannes auf diesem Blatt nähern sich schon auffällig der Ausführung in Fresko. Perino hat die beiden Heiligen in einer prachtvollen Rötelzeichnung in Windsor Castle nochmals groß herausgezeichnet (Parma Armani, 1986, Fig. 60 ). Kurz im Anschluß daran entstand die hier besprochene Studie zum hl. Markus, die in Details wie der Haltung des linken Armes und ´des rechten Fußes dem ausgeführten Fresko noch näher stehen. Wie K. Oberhuber festgestellt hat, hat Perino den Evangelisten in dieser Zeichnung an einem Modell studiert, was die naturnahe Darstellung von Kopf, Armen und Gewand nahelegen. Das Blatt wurde bis in die jüngste Zeit des öfteren als Kopie bezweifelt. Dies ist aber angesichts der kleineren Abweichungen vom Fresko auszuschließen. Aufgrund der lebendigen, pentimenthaften Linienführung, der energischen und spontanen Bewegung der Figur und einer kaum sichtbaren abweichenden Vorzeichnung in schwarzer Kreide kann auch keine Kopie nach einer Zeichnung Perinos vorliegen. Die Wirkung des Blattes ist durch den weitgehenden Verlust der Weißhöhung durch Oxydation beeinträchtigt. Die Art der flüssigen Lavierung und der lockere Verlauf der Linien, die die Formen nicht plastisch herausmodellieren, sonden nur akzenthaft andeuten, sind etwa mit Perinos Entwürfen für die Teppichserie mit den Taten des Aeneas oder für die Sockelszenen in der Stanza della Segnatura unmittelbar zu vergleichen (vgl. Mantua, 2001, Nr. 120-121, 151-152). Wie oft angemerkt wurde, knüpfen Perinos Malereien in der Cappella del Crocifisso unmittelbar an Michelangelos Gewölbefresken der Sixtina an. In der Lebendigkeit der Auffassung sind sie zugleich dem Vorbild Raphaels; den Propheten und Sibyllen der Chigi-Kapelle in S. Maria della Pace, verpflichtet. Perino verleiht den Figuren jedoch eine größere Leichtigkeit und Grazie, streicht das Dekorative der Motive heraus, indem er sie als Silhouette wirken läßt und die Bewegungen nicht wie Raphael und Michelangelo in Bezug zum Raum setzt.
