Loïe Fuller im Serpentinentanz "Der Erzengel"
Koloman Moser
um 1902
Kolo Moser studierte in Wien an der Akademie der bildenden Künste und an der Kunstgewerbeschule. Er war Mitbegründer der Wiener Secession (1897) und zählte zu deren bedeutendsten und vielseitigsten Mitgliedern. Moser trat durch zahlreiche grafische Beiträge für die Secessionszeitschrift "Ver Sacrum" sowie durch Ausstellungsgestaltungen, dekorative Entwürfe und Plakate hervor; im Bereich des Kunstgewerbes zählte er um 1900 auch international zu den führenden Künstlern. 1903 gründete er mit #Josef Hoffmann und dem Mäzen #Fritz Waerndorfer die Wiener Werkstätte. 1905 verließ er mit der "Klimt-Gruppe" die Secession. Seit seinem Austritt aus der Wiener Werkstätte (1907) befasste Moser sich - vor allem unter dem Einfluss von #Ferdinand Hodler - bis zu seinem frühen Tod hauptsächlich mit der Malerei.
Die nicht datierte Darstellung der amerikanischen Serpentinentänzerin #Loïe Fuller entstand sehr wahrscheinlich im Februar 1902, als die von der Wiener Avantgarde bewunderte Künstlerin gemeinsam mit der japanischen, von Sada Yacco geleiteten Theatergruppe im Theater an der Wien auftrat (AK Albertina 1998/99, S. 122). Seit den frühen 1890er-Jahren machte die Künstlerin in vielen Ländern Europas Furore. Mit #Isadora Duncan und #Ruth St. Denis gehörte Loïe Fuller zu den frühesten Begründerinnen eines neuen, beseelten Tanzes; sie experimentierte ständig mit den Mitteln der modernen Technik und faszinierte ihr Publikum mit ephemeren Lichteffekten, wechselnden Farben und schnellen, flüchtigen Bewegungen (AK München 1995/96, S. 15, 25). Die leichten Stoffe, die in ihren Kostümen verarbeitet wurden, waren von einer ungeheuren Länge.
In dem hier dargestellten Tanz "Der Erzengel" kommt die Entmaterialisierung des Körperlichen prägnant zur Geltung. Die zahlreichen Künstler, die Loïe Fuller darstellten - Maler, Grafiker wie auch Bildhauer -, betonten stets die ausladenden Wirbel- und Spiralbewegungen ihrer Schleier. Moser dagegen entschied sich für den Moment der weitesten Ausdehnung des Kostüms, das die Künstlerin mit langen, ihre Arme verlängernden Stäben in voller Breite entfaltet. Wie ein Schmetterling hebt sich die zweidimensionale transparente Form vom schwarzen Hintergrund ab, flankiert von den schmalen Fackeln des bengalischen Feuers. In der gelben Silhouette voller feinster Parallelfalten halten sich Spontaneität und formale Strenge die Waage.
Das karierte Papier, auf dem die Darstellung angebracht wurde, weist auf einen Vergrößerungszweck hin. Angesichts der Maßangaben (6 x 8,6 m) ist vielmehr an eine Vorlage für ein monumentales Transparent oder einen Bühnenvorhang als an einen "Plakatentwurf" zu denken (diese Bezeichnung stammt sehr wahrscheinlich von fremder Hand); es ist auch nicht auszuschließen, dass das Blatt im Hinblick auf eine Wandmalerei entstanden ist. Ob der Entwurf - für welche Funktion auch immer - jemals realisiert wurde, ist nicht bekannt.
Marian Bisanz-Prakken, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 205.
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