Aeneas mit einem Knaben
Daniele Ricciarelli, gen Daniele da Volterra
um 1555-1556
Zu den fünf Gemälden, die Daniele da Volterra für #Monsignor Giovanni della Casa schuf, gehörte laut #Vasari ein für Frankreich bestimmtes Leinwandbild mit der Darstellung des Äneas, der sich entkleidet, um sich zu Dido zu legen, und dabei von Merkur überrascht wird (Vasari, Bd. 7, S. 61 f.). Vasari zufolge sei der Götterbote in der Art zu sehen, wie man es in den Versen #Vergils lese. Das Bild kam vermutlich nie in Frankreich an, da es zusammen mit anderen Werken Danieles in die Sammlung des Bibliophilen und Kunstsammlers #Fulvio Orsini gelangte, in dessen Inventar es zudem als unvollendet bezeichnet wird (Levie 1962, S. 131 ff.; Nolhac 1884, S. 432, Nr. 24). Die heutige Forschung ist sich darin einig, dass der Auftrag an den Maler im Zeitraum zwischen der Rückkehr della Casas von seinem vierjährigen Venedig-Aufenthalt nach Rom am 22. Juni 1555 und seinem Tod am 14. November 1556 erging. Die Komposition ist durch ein von H. Voss publiziertes, heute verlorenes Gemälde überliefert, das einst in einer schwedischen Privatsammlung aufbewahrt war. Im Unterschied zu Vasaris Angabe war dieses Gemälde nicht auf Leinwand, sondern auf Holz gemalt. Aus diesem Grunde wird es zumeist als Kopie erachtet, wenngleich es H. Voss (1922/23) als Original publiziert hatte. I. di Majo (Romani, 2003, S. 138) mahnt zu Recht ein, die Zuschreibung an Daniele aufgrund des partiell unfertigen Zustands ernst zu nehmen, doch ist ein abschließendes Urteil kaum möglich, da nur eine alte Fotografie von dem Gemälde existiert.
Zu der Szene auf dem Bild fertigte #Michelangelo Vorzeichnungen an, die er seinem Freund zur Verfügung stellte. Daniele arbeitete diese aus oder entwickelte sie selbstständig weiter, wobei er wohl immer wieder einzelne Entwurfsschritte in sorgfältig ausgeführten Detailstudien zu einzelnen Figuren festhielt.
Zu den frühesten Ideen Danieles gehören die Entwürfe auf dem Blatt im British Museum, die Äneas mit dem Knaben in drei verschiedenen Ansichten zeigen. Im Amsterdamer Rijksprentenkabinet befinden sich drei weitere Skizzen mit demselben Motiv (Ciardi/Moreschini 2004, S. 234), die unserer Zeichnung unmittelbar verwandt sind und vielleicht einstmals mit dieser auf einem Blatt vereint waren. Daniele hat das Figurenpaar auch in einer großen, detailliert ausgearbeiteten Zeichnung im Musée Fabre in Montpellier studiert (Jaffé 1986, Abb. 10), wobei die Gruppe schließlich spiegelbildlich in der von einem Schüler Danieles ausgeführten "Taufe Christi" in der Ricci-Kapelle in San Pietro in Montorio Verwendung gefunden hat (Romani 2003, Abb. 82). Während Äneas den Kopf in all diesen Studien in Richtung des Knaben zurückwendet, richtet er ihn in einer weiteren Zeichnung im British Museum (Gere/Pouncey 1983, Nr. 91, Tafel 83) nach oben und reagiert somit das erste Mal sichtbar auf die Worte des herab fliegenden Götterboten.
Der früheste erhaltene Beitrag Michelangelos zu der Darstellung des Gemäldes findet sich auf einem Blatt im Courtauld Institute in London, das Äneas in Vorderansicht zeigt (Tolnay, Corpus, Bd. 3, Nr. 377). Im Unterschied zu den Studien Danieles, in denen Äneas mit der Hand an den über die Schulter gelegten Mantelsaum greift, hat er in diesem Entwurf seinen linken Arm quer über den Oberkörper gelegt und beteiligt sich selbst beim Abstreifen des Gewandes, das der Knabe hastig herabzuzerren sucht. Auf dem anschließend entstandenen Blatt in Haarlem (Teylers Museum), das J. Wilde erstmals zu dem Gemälde in Beziehung gesetzt hat, gestaltete Michelangelo die Pose des Äneas noch elastischer und durch die spiralige Drehung des Körpers raumausgreifender, ohne dass an der Haltung bereits abzulesen wäre, welche Entscheidung der Held getroffen hat.
Dies lässt drauf schließen, dass sich hinter Danieles Entwürfen Ideen des Meisters verbergen, die sich aber nicht erhalten haben. Aufgrund des Zusammenhangs mit dem Gemälde galt die Haarlemer Zeichnung in der früheren Forschung als ein Werk Danieles, eine Auffassung, die heute nur noch A. Perrig vertritt. Während J. Wilde 1927 noch an Danieles Autorschaft glaubte, war er später wie heute die meisten Spezialisten davon überzeugt, dass die traditionelle Zuschreibung des Blattes an Michelangelo richtig ist. Dies wird auch im Vergleich mit Danieles detailliertem und in feinsten Tonabstufungen gezeichnetem Blatt in der Albertina offensichtlich, das der Ausführung des Bildes unmittelbar voranging.
In der Haarlemer Zeichnung wird dem massigen Leib des Äneas durch frei gezogene und im Aufdruck geringfügig variierte Schraffuren eine große Lebendigkeit zuteil, wodurch die im Inneren waltende Energie und Dynamik anschaulich wird. Das gesamte Gewicht ruht auf dem durchgestreckten, säulenhaft anmutenden Bein, während der übrige Körper in Bewegung ist, worin zum Ausdruck kommt, dass die Figur darauf vorbereitet ist, in Kürze eine Handlung auszuführen. Bei Daniele erhält die Figur dagegen eine nahezu skulpturale Starre, und andererseits wirkt die Pose labil, da sich das Gewicht auf die einzelnen Gliedmaßen verteilt und kein eigentlicher Schwerpunkt auszumachen ist. Alle Details bis hin zur Lichtführung sind genau festgelegt, doch gelingt es Daniele nicht, die Gestalten zu beseelen, sie mit Leben zu erfüllen. So veranschaulichen die Muskelerhebungen keine innere Anspannung, sondern rhythmisieren auf nahezu dekorative Weise die Oberfläche des Körpers. Die Haarlemer Zeichnung ist stilistisch eng mit den Studien für "David erschlägt Goliath" in New York (Pierpont Morgan Library) oder mit denen der miteinander kämpfenden männlichen Gestalten im Ashmolean Museum in Oxford (Tolnay, Corpus, Bd. 3, Nr. 374) verbunden, die in der Forschung zu Recht fast ausnahmslos als Werke Michelangelos gelten. In der Sammlung Mond (heutiger Aufenthaltsort unbekannt) wurde vormals eine Studie Danieles für die schlafende Dido bewahrt, die demselben endgültigen Entwurfsstadium wie das Wiener Blatt angehörte. Beide befanden sich im 16. Jahrhundert in der bis vor Kurzem noch unbekannten Sammlung des #Antonio Tronsarelli (Lanfranconi 1998, S. 542, Abb. 36, 37). Der Künstler zeichnete die weibliche Gestalt vermutlich mithilfe eines Ton- oder Gipsmodells, von dem sich ein von P. Joannides (1993) entdeckter Bronzeabguss im Bayerischen Nationalmuseum in München erhalten hat. Hinsichtlich der Pose Didos hat man deutliche Bezüge zu den Allegorien der Tageszeiten der Medici-Gräber in San Lorenzo festgestellt, und daher ist es wahrscheinlich, dass Michelangelo auch für diese endgültige Fassung der Gestalt Entwürfe geschaffen hat.
vgl. Achim Gnann, in: Albertina, Wien (Hg.), Michelangelo. Zeichnungen eines Genies (Kat. Ausst. Albertina, Wien 2010/2011), Ostfildern 2010, Nr. 120.
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