Apostelkopf (Studie für die "Transfiguration")
Raffaello Santi
1519-1520
Die "Transfiguration" (Pinacoteca Vaticana, Rom) ist Raphaels letztes großes Tafelbild und gilt als sein künstlerisches Testament. Es wurde um 1516/17 von Kardinal Giulio de' Medici, dem späteren #Papst Clemens VII., für seine Bischofskirche in Narbonne in Auftrag gegeben und war nahezu vollendet, als Raphael am 6. April 1520 starb. Auf dem Gemälde sind zwei in den Evangelien getrennte, aber aufeinander folgende Ereignisse dargestellt, und zwar die "Verklärung Christi auf dem Berg Tabor" und die "Heilung des besessenen Knaben", die Raphael zu einer grandiosen formalen und geistigen Einheit verbunden hat.
Die Zeichnung der Albertina ist ein so genannter Hilfskarton für den Kopf eines Apostels im Hintergrund. Nachdem Raphael den Karton zur Übertragung der gesamten Komposition auf das Bild angefertigt hatte, übertrug er von diesem nochmals wichtige Details wie Hände und Köpfe auf andere Blätter. Er durchstach die Konturen und klopfte darauf mit einem Kohlesäckchen, wodurch sich eine punktierte Umrisslinie auf dem darunter liegenden Blatt ergab, die er dann als Ausgangspunkt für eine sorgfältig ausgeführte Zeichnung verwenden konnte. Mit diesen Hilfskartons verdeutlichte er sich die Lichtführung sowie Form und Charakterzüge der Köpfe.
Der "Apostelkopf" der Albertina ist gegenüber den anderen erhaltenen Studien Raphaels für das Gemälde verhaltener im Ausdruck und erhält sein ganzes Leben durch den Gegensatz zwischen großen hellen und dunklen Partien. Wie bei den anderen Häuptern verwendet Raphael gleichmäßig schräge Schraffenlagen, die er in Aufdruck und Dichte stark variiert und so das Fallen des Haares, die leichte Drehung des Kopfes und die kräftige Form des Halses bis hin zu einzelnen Runzeln differenziert wiederzugeben vermag. Die plastische Wirkung wird durch den kräftigen und mehrfach nachgezeichneten Kontur an Hals und Gesicht und die dichte Schattenzone links gesteigert. Anhand der Kreidepunkte, die von der Übertragung herrühren, ist zu erkennen, dass der Karton in einigen Bereichen anders ausgesehen haben muss. Vor allem sollten die Haare fülliger gestaltet sein und lockig in die Stirn fallen. Das Spontane und Lebensnahe im Ausdruck und die detaillierte Ausarbeitung lassen uns den Kopf nah und real erscheinen. Die makellos gezeichneten Augen mit ihren sanft geschwungenen Lidern, die zarte, von Raphael noch begradigte Nase und die als Kreislinie weiterzuführende Rundung der Stirn geben ihm aber zugleich ein idealisiertes Aussehen. Die Wärme, die aus den Augen strömt, und das Mitfühlende und Verständnisvolle seines Blicks machen diesen Apostel zu einem Ideal stiller christlicher Nächstenliebe.
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 52.
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