Alexander mit der Leiche das Darius
Sebastiano Ricci
um 1700-1710
Der aus Belluno stammende Maler Sebastiano Ricci war im Laufe seiner langen künstlerischen Schaffenszeit in vielen Städten Ober- und Mittelitaliens, in den Niederlanden sowie in Wien, London und Paris tätig. Seine anfängliche Ausbildung erhielt er in Venedig, wohin er 1696 wieder zurückkehrte und wo er sich ab 1717 dauerhaft niederließ. Ricci war ein sehr vielseitiger Künstler, der neue Einflüsse und Strömungen bereitwillig aufnahm und besonders offen war für klassische Tendenzen in der Barockmalerei, wie sie u. a. die #Carracci in Bologna oder #Pietro da Cortona in Rom vertreten haben. Nachhaltig beeinflussten ihn auch die venezianischen Künstler des Cinquecento, vor allem #Veronese, #Tizian und #Palma Giovane, deren Werke er in seinen lichtdurchfluteten, von leuchtenden Farben erfüllten Kompositionen weiterentwickelte. Ricci wurde zum Bahnbrecher des neuen koloristischen Stils der venezianischen Malerei, die in #Tiepolo und #Piazzetta ihren absoluten Höhepunkt fand.
Der Protagonist auf der Wiener Zeichnung ist wohl der berühmte makedonische König Alexander der Große, der sich zur Leiche des persischen Herrschers Darius begibt. Für die Alexander-Thematik spricht das prominent im Hintergrund auftauchende Ross, das wohl als Bukephalos, dessen Lieblingspferd, identifiziert werden kann.
Die Darstellung erhält durch die freie, skizzenhafte Ausführung größte Lebendigkeit. Die Figuren sind mit flüchtigen Federlinien rasch hingesetzt und erst die ergänzende Lavierung und Weißhöhung verleiht ihnen Form und Festigkeit. Die Gewänder, Rüstungen und Zelte sind antikischen Vorbildern verpflichtet, und auch die Aneinanderreihung der Figuren erinnert an die Gestaltung klassischer Reliefs. Werke #Raphaels und seiner Schule, aber auch Kompositionen Pietro da Cortonas mögen dem Künstler hierbei als Anregung gedient haben.
Wie häufig bei Kompositionen dieser Art, gliedert Ricci die Darstellung durch seitlich rahmende Kulissen und eine sich vorlehnende Hauptfigur in der Bildmitte, die durch eine ausgreifende Armgeste den Blick des Betrachters auf das zentrale Geschehen lenkt. Die übersichtliche und weitgehend bildebenenparallele Anordnung der Figuren vor verkürzt gezeigten Kulissen erinnert an zwei Gemälde Riccis mit Darstellungen der "Milde des Scipio" (Scarpa 2006, Nr. 85, 403), die in das erste Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts datiert werden. Möglicherweise ist das Blatt der Albertina ebenfalls in dieser Zeit entstanden.
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 122.
In Koschatzky/Oberhuber/Knab 1971 ist das Sz irrtümlich als (Gelosi) Genevosio gedeutet. Die Szene nimmt möglicherweise die beiden Gemälde "Geschichten des Darius" ehemals im Palazzo Labia in Venedig (A.K. Udine 1975, p. 84, Abb.) vorweg. Eine weniger bildhaft ausgeführte Skizze dieser Szene befindet sich in der Accademia in Venedig (A.K. Udine 1975, Nr. 39). Ricci befasste sich in den vierziger und fünfziger Jahren mehrmals mit dem Thema ,,Alexander und die Leiche des Darius". Eine dieser Versionen in der Eremitage in St. Petersburg (T. Fomiciova, Recenti attribuzioni ed opere poco note di G. Diziani nei Musei dellUnione Sovietica, in: Arte Veneta XXXVII, 1983, p. 215, Abb. 5).
zitiert aus: Veronika Birke, Janine Kertész, Die italienischen Zeichnungen der Albertina. Generalverzeichnis, II, Wien/Köln/Weimar 1994, S. 926, Nr. 1753.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/24341/alexander-mit-der-leiche-das-dariusImage Request