Francesco Primaticcio, Odysseus schützt sich vor den Sirenen, Inv. Nr.: 1980
Odysseus schützt sich vor den Sirenen
Francesco Primaticcio, Odysseus schützt sich vor den Sirenen, Inv. Nr.: 1980
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Odysseus schützt sich vor den Sirenen

Francesco Primaticcio

um 1550-1555




Künstler:in (Bologna 1504 - 1570 Paris)
Dateum 1550-1555
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesRötel, weiß gehöht, perspektivische Konstruktionslinien in Rötel, auf rötlichem Papier
Dimensions23,8 x 32,7 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number1980
Markingsr.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text

Die bildmäßig ausgearbeitete Zeichnung ist der Modello für eine der 58 Odysseusszenen, die an den Wänden der 1739 zerstörten "Ulyssesgalerie" in Fontainebleau dargestellt waren. Das Aussehen der Fresken überliefert eine Stichfolge von #Theodor van Thulden (Paris, 1633), in der unsere Szene als Nr. 26 vorkommt. Sie befand sich an einem Wandkompartiment im 13. Joch an der zum Cour de Cheval-Blanc zeigenden Südseite dieser ca. 150 m langen und 7,55 m breiten Galerie (vgl. J. Guillaume, in: Béguin/Guillaume/Roy 1985, Abb. 38). Auf die beiden durchfensterten Längswände waren jeweils 29 dieser durchschnittlich etwa 1,95 x 2,60 m großen und von vergoldeten und dekorierten Stuckrahmen eingefassten Bilder verteilt.
Die Dekoration der Galerie einschließlich des 15-jochigen Gewölbes unter Leitung Primaticcios zog sich von 1541 bis gegen 1570 hin. Die Annahme, dass der Künstler die Odysseusszenen erst in den fünfziger Jahren entworfen hat, ist durchaus wahrscheinlich (Barocchi 1951, S. 214 f.; S. Béguin, in: Béguin/Guillaume/Roy 1985, S. 61 ff.; Romani 1997, S. 50 f.). Nach seinen Vorlagen hat sie laut #Vasari #Niccolò dell´Abbate gemalt, der 1552 nach Fontainebleau gekommen war und zunächst bei der Ausgestaltung des Ballsaals (1552 - 1556) mitgeholfen hat. Er verwendete hierfür ebenfalls Vorzeichnungen von Primaticcio, die auch gewisse stilistische Vergleichsmomente mit den Odysseusszenen zeigen. Unter den verschiedenen erhaltenen Modelli für diese, die fast alle in Rötel mit Weißhöhung gezeichnet sind, ist das vorliegende Blatt eines der schönsten. Wie in vielen anderen Bildern der Reisabenteuer des Helden staffelt der Künstler verschiedene Handlungsmomente entlang einer raumführenden Diagonale hintereinander (vgl. Inv. 1981). Im Vordergrund stehen drei Sirenen am Ufer ihrer Insel dicht beieinander, deren verzaubernden Stimmen nur Odysseus wahrnimmt. Er lässt sich an den Schiffsmast von den Kameraden binden, die sich zuvor die Ohren mit Wachs verklebt hatten. Da die Fluchtlinien der verkürzten Säulenstümpfe an dem Mast zusammenlaufen, wird die Gestalt des Helden hervorgehoben. Im Hintergrund steuert das Schiff zwischen den steilen und von dunklen Wolken umhüllten Felsen der Skylla und Charybdis hindurch, wobei Odysseus - das Gebot der Kirke missachtend - mit dem Speer auf dem Vorderdeck gegen das sechsköpfige Ungeheuer anzukämpfen versucht, das bereits einige seiner Freunde verschlungen hat.
Primaticcio hat der Szene durch kurze, dicht aneinandergesetzte und im Aufdruck variierte Rötelstriche und die feinen Weißhöhungen eine wundervolle malerische Wirkung gegeben. Der Stil der gespenstisch dünnen, heftig erregten Figürchen ist unverkennbar von #Parmigianino angeregt. Am besten hiermit vergleichbar sind die Entwürfe für die Radierung der "Anbetung der Hirten" sowie für die Darstellungen "Odysseus und Kirke" und "Badende Nymphen" (Popham 1971, Taf. 120-122, 153-154 und Nr. 74, Taf. 119). Während Parmigianino den Figuren jedoch durch den kraftvoll pulsierenden, schwungvollen Umriss eine flammende Bewegtheit verleiht, bei der die vertikalen Kräfte dominieren, besitzt der Kontur bei Primaticcio nicht dieselbe Spannung und denselben Schwung, da er sich aus kleineren Bögen zusammensetzt. Die Bewegungen sind gelöster, nicht streng zielgerichtet und entfalten sich daher in verschiedene Richtungen des Raumes. Der Künstler entwickelt ein höchst individuelles Ideal des Graziösen und Eleganten, bei dem es häufig zu abstrakten, verzerrten Formgebilden kommt, wie bei der Gestalt am Bug des Schiffes. Den Eindruck des Phantastischen verstärkt die dramatische Helldunkelstimmung der Meereslandschaft, die von kosmischen Urgewalten aufgewühlt und von Unwesen bewohnt wird, die das Schicksal der Helden bestimmen.
Die Berühmtheit dieser Szene dokumentieren einer Reihe gezeichneter Kopien, die S. Béguin (in: Béguin/Guillaume/Roy 1985, S. 255 f., Abb. 237-245) zusammengetragen hat. Die Komposition wurde zudem in einem Bild aus der Sammlung Comte de Germiny (Depot von Fontainebleau) wiederholt, das Teil einer Serie von Kopien nach der Ulyssesgalerie ist.

Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 82, S. 200.

Vorzeichnung für die Galerie d'Ulysse in Fontainebleau (1541-1547). Die Vorzeichnung van Thuldens für den Kupferstich in der Albertina (lnv. 8950; Beguin 1985, Fig. 237), Kopien im Louvre (Album J. Belly; Beguin 1985, Fig. 238), in Chantilly (Beguin 1985, Fig. 239), im Musee Sainte-Croix in Poitiers (lnv. Nr. 882-1289; Beguin 1985, Fig. 240), in der Sammlung H. Feist in New York (Beguin 1985, Fig. 241) und im British Museum (Album Palange lnv. Nr. 1890-10-13-31, p. 1-58; Beguin 1985, Fig. 242) sowie eine gemalte Kopie ehemals in der Sammlung de Germiny (Beguin 1985, Fig. 243).

zitiert aus: Veronika Birke, Janine Kertész, Die italienischen Zeichnungen der Albertina. Generalverzeichnis, II, Wien/Köln/Weimar 1994, S. 1040, Nr. 1980.

Catalogue raisonné
  • Wickhoff 1891, SB 22
  • Stix 1941, 24
  • Birke/Kertész II, 1980
  • Bibliography
  • gest. von Th. van Thulden, 1633 (Nr. 26)
  • A.K. Parma! Washington 1984, Fig. 76a
  • Braun 442 - AK Albertina 1963, Nr. 179
  • AK Washington/Parma 1984, Nr. 76*
  • Birke 1991, S. 69, Abb. 77
  • Béguin, in: Béguin/Guillaume/Roy 1985, S. 254 ff., Abb. 236
  • Henri Zerner, L'art de la Reinaissance en France. L'invention du classicisme, Paris 1996, S. 91, S. 103, Abb. 105
  • AK Albertina/Venedig/Bilbao 2004/05, Nr. 82 (A. Gnann)
  • Historical Attributions
  • traditionelle Zuschreibung, Dimier, Stix
  • Primaticcio, Francesco nach (Wickhoff).
  • Provenance
  • Gottfried Winckler (1731–1795), Leipzig
  • Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
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    Last edited14.10.2022