Studie einer Frau mit Kopftuch, den Blick gesenkt
Andrea del Sarto
1523-1524
F. Knapp (1907, S. 135) identifizierte erstmals den Frauenkopf mit gesenktem Blick als Entwurf für das Haupt der Madonna in der "Beweinung Christi" von San Pietro in Luco im Mugello (heute Florenz, Galleria Palatina; Natali und Cecchi 1989, Abb. 44), was die spätere Forschung nicht mehr bezweifelt hat. Andrea del Sarto malte die Tafel in den Jahren 1523 und 1524 für den Hochaltar dieses Nonnenklosters, in dem er Zuflucht vor der damals in Florenz wütenden Pest gesucht hatte. Es hatten ihn dorthin seine Angehörigen begleitet, die für einige der Heiligenfiguren in der Beweinung Modell gestanden haben sollen. So möchte man in der Muttergottes ein Porträt seiner Gattin #Lucrezia del Fede erkennen (Freedberg 1963, Bd. 2, S. 125). Die Kopfstudie ist ein charakteristisches Beispiel für den Stil des gewöhnlich mit schwarzer Kreide und Rötel zeichnenden Künstlers, der die Formen durch kraftvolle zusammenfassende Umrisslinien markant umreißt und der Oberfläche durch straffe parallele Schräglinien, die ihre Richtung wechseln, eine starke plastische Spannung verleiht. Die Modellierung von Brauen und Nase mit kurzen, kantig aneinanderstoßenden Linien und die an Splitter erinnernden Lichthöhungen unter dem Auge und auf der Oberlippe lassen das Gesicht wie gemeißelt erscheinen. Es offenbart zugleich unverwechselbare persönliche Züge, denn durch die aufeinanderstoßenden und sich überlagernden Schraffuren verleiht der Künstler dem Frauenkopf eine lebendige Mimik, die einen entschiedenen, fast strengen Charakter verrät. Durch die breiten Abstände der Strichlagen vermag das Licht zu sickern, das einen zarten Glanz auf der Haut entstehen lässt und das Antlitz einbettet in die sonnige und frische Atmosphäre des Umraumes. Die Zeichentechnik ist manchen Studien #Fra Bartolomeos verwandt, der jedoch zartere Tonabstufungen erzielt und den Körpern eine weichere Rundung verleiht als Andrea, der zu einer geometrischen Vereinfachung und skulpturalen Verhärtung der Formen tendiert. Wie O. Benesch (1964, Nr. 25) zu Recht anmerkt, ist die ernste Auffassung dieser Studie von #Michelangelos Geist überschattet. Der große Florentiner vermag seine Köpfe jedoch durch die fein abgestuften Schraffuren, die jede Muskelbewegung festhalten und den bewegten Umriss, der die Stimmung und den Charakter unverwechselbar zum Ausdruck bringt, stärker von innen heraus zu beleben. Andreas Sichtweise ist häufig von außen auf die Dinge gerichtet, die dadurch eine allgemeine Gültigkeit erhalten.
Zu dem genannten Gemälde haben sich weitere Studien und Skizzen im Louvre (AK Paris 1986/87, Nr. 39-41), im British Museum (Turner 1986, Nr. 54), in den Uffizien und im Museo Horne in Florenz erhalten (Freedberg 1963, Bd. 1, Abb. 143, 148; Shearman 1965, S. 260).
Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 53, S. 144.
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