Das Urteil des Paris
Francesco di Marco di Giacomo Raibolini, gen. Francesco Francia
um 1505-1506
Francesco Francia, der bedeutendste Bologneser Künstler des ausgehenden 15. Jahrhunderts, hat nahezu ausschließlich religiöse Themen und Porträts gemalt. Zeichnungen wie diese gaben ihm Gelegenheit, sich mit antiken Themen auseinanderzusetzen, die andere Künstler und einen Kreis humanistisch gebildeter Gelehrter zu dieser Zeit beschäftigt haben (vgl. auch Inv. 2582).
Bekanntlich musste Paris auf Geheiß Jupiters entscheiden, welcher der drei Göttinnen - Venus, Juno oder Minerva - der goldene Apfel gebührt, den Eris, die Göttin der Missgunst, unter die Gäste der Hochzeit von Peleus und Thetis geworfen hatte. Paris sinnt noch nach, und fast glaubt man, er wolle den Apfel der Göttin mit dem Tropaion (vermutlich Minerva) reichen, in deren Gesicht aber bereits Verärgerung abzulesen ist. Sie steht zudem abseits wie die wegstrebende Konkurrentin, auf die schon deshalb nicht die Wahl fallen wird, da sie ihren Körper keusch mit einem Gewand verhüllt hat. Wahrscheinlich ist sie die Göttin Juno, die das ihr geheiligte Feuer hält. Paris am nächsten steht Venus, die reizvollste der drei Frauengestalten, deren Haltung von antiken Statuen dieser Göttin angeregt ist. Francia deutet durch die schwungvolle Armbewegung des Paris auf subtile Weise an, wer im nächsten Moment die begehrte Frucht erhalten wird. Auf dieser sind nur noch schwer lesbar die Buchstaben "PVLC" zu erkennen, die den Anfang des Wortes "Pulcherrimae" ("Der Schönsten") wiedergeben.
Der Künstler zeichnete die Darstellung überaus detailliert mit der Pinselspitze und setzte sie durch die Schattierung des Hintergrundes reliefartig ab. Zu dieser antikischen Auffassung wurde er offensichtlich von #Andrea Mantegna und seinem Kreis angeregt. Anders als #Mantegna gibt Francia jedoch den Körpern weichere und gerundetere Formen, betont mit Hilfe des Lichtes mehr das gesamte Volumen der Gestalten als einzelne Partien. Die Darstellung gehört wohl zu den schönsten dieses Themas in der Renaissance, selbst wenn sie im Unterschied zu #Raphaels klassischem Parisurteil, das über Jahrhunderte hinweg vorbildlich werden sollte, ohne weitere künstlerische Nachfolge geblieben ist.
Gemäß einer bis in die Antike zurückgehenden Tradition verkörperten die drei Göttinnen bei der moralisierenden Auslegung der Legende die "vita contemplativa" (Minerva), die "vita activa" (Juno) und die "vita voluptaria" (Venus). In diesem Sinne sollte gewiss auch Francias Parisurteil den humanistisch gebildeten Betrachter anregen, eine Entscheidung über die drei unterschiedlichen Lebenswege zu fällen.
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 37.
Etwa zeitgleich mit der "Komposition mit drei Figuren" im Ashmolean Museum in Oxford (Parker 1956, Nr. 10; A.K. BolognalWien 1988, Nr. 68) um 1505 datierbar. Vgl. auch das stilistisch verwandte Blatt Francias eines "Mythologischen Opfers mit Bacchus" der Eremitage in St. Petersburg (Inventarnummer 4794; GrigoIjewalKantorGukowskaja 1984, Nr. 4).
zitiert aus: Veronika Birke, Janine Kertész, Die italienischen Zeichnungen der Albertina. Generalverzeichnis, III, Wien/Köln/Weimar 1995, S. 1675, Nr. 4859.
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