Junger Mann, einen Alten auf dem Rücken tragend (Aeneas und Anchises) (Studie für den "Borgobrand", Stanza dell' Incendio, Vatikan)
Raffaello Santi
1514
Die zwischen 1514 und 1517 ausgemalte Stanza dell'Incendio diente als geheimes Speisezimmer #Leos X., in dem der Papst mit Kardinälen und anderen hohen Würdenträgern tafelte. Zuweilen wurde der Raum auch für zeremonielle Anlässe wie Bischofsweihen genutzt. Die Südwand der Stanza nimmt das Fresko mit dem "Borgobrand" ein, auf dem ein im "Liber Pontificalis" geschildertes Ereignis dargestellt ist: Im Jahre 847, zu Beginn des Pontifikates #Leos IV., brach in dem unmittelbar an den Vatikan angrenzenden Stadtteil Borgo ein verheerender Brand aus, der durch das Kreuzzeichen des Papstes, der im Hintergrund auf der Benediktionsloggia erscheint, auf wundersame Weise zum Erlöschen kam.
Die vier erhaltenen Vorzeichnungen für dieses Fresko, von denen sich zwei weitere in der Albertina befinden (vgl. auch Inv. 4878), gehören alle dem fortgeschrittenen Entwurfsstadium aus der Zeit um 1514 an.
Eine Inschrift auf dem Stich von #Gian Giacomo Caraglio (Bartsch 1803-1821, 15, S. 94, Nr. 60; https://doi.org/10.11588/diglit.23183%230104§), auf dem sich zu der Darstellung auf der Zeichnung ein Kind gesellt, bezieht diese Gruppe auf die bei #Vergil beschriebene Szene, in der Aeneas, begleitet von seinem Sohn Askanius, seinen alten Vater Anchises auf den Schultern aus dem brennenden Troja trägt (vgl. auch Vasari, Ausg. Milanesi, Bd. 4, S. 359). Daher bezeichnet man die Gestalten gewöhnlich als Aeneas und Anchises.
Höchst eindrucksvoll charakterisiert Raphael den Gegensatz zwischen dem jungen Mann, der mit kurzen Schritten mühsam das Gleichgewicht hält und sich unter dem Gewicht der schweren Last beugt, und dem alten Vater mit seiner schlaffen, runzligen Haut und den müden, kraftlos herabhängenden Gliedern. Er kann sich kaum festhalten und droht vom Rücken seines Trägers herabzugleiten. Zugleich schmiegt sich sein Körper an Aeneas, und gerade durch das komplizierte Ineinandergreifen von Armen und Beinen entsteht eine untrennbare Einheit zwischen Alter und Jugend, Schwäche und rettender Kraft. Im Gegensatz zu früheren Zeichnungen Raphaels, in denen die Bewegungen noch einer von außen kommenden Dynamik folgen, geht jetzt die Energie von den Figuren selbst aus, die völlig frei im Raum stehen. Die Zeichnung ist damit ein wichtiges Beispiel für Raphaels Stilentwicklung um 1514, in der die Figuren nun aus eigener Bestimmung zu handeln beginnen.
Ein 1518 datierter Clair-obscur-Holzschnitt von #Ugo da Carpi (Bartsch 1803-1821, 12, S. 104 f., Nr. 12; https://doi.org/10.11588/diglit.23178%230112§), der Aeneas und Anchises mit den Hausgöttern vor dem brennenden Troja zeigt, geht wahrscheinlich auf einen früheren Entwurf Raphaels für diese Gruppe zurück.
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 50.
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