Apoll auf dem Sonnenwagen
Guido Reni
vor 1614
Das in spontanen Federlinien über einer Rötelvorzeichnung ausgeführte Blatt ist ein Entwurf für das Deckenfresko im Casino dell'Aurora des Palazzo Borghese in Rom (jetzt Palazzo Pallavicini-Rospigliosi). Das 1614 vollendete Wandbild zählt zu den berühmtesten Malereien von Guido Reni und ist neben den Fresken der Carracci in der Galleria Farnese das Hauptwerk des bolognesischen Klassizismus in Rom. Es zeigt Apoll auf dem Sonnenwagen, der von tanzenden Horen, den Göttinnen der Jahreszeiten, und von Aurora, der Göttin der Morgenröte, geführt wird.
Die Wiener Zeichnung dokumentiert auf eindrucksvolle Weise die spontane Niederschrift einer frühen Idee für das Fresko, wobei trotz der flüchtigen und pentimentreichen Linienführung alle wesentlichen Elemente mit großer Klarheit und Bestimmtheit festgelegt sind. Der Stil knüpft an Zeichnungen der Carracci an, in deren Werkstatt der Künstler tätig war, zeigt aber in der Überlängung, Zartheit und Grazie der Figuren und dem melodiösen Zusammenklang ihrer Bewegungen unverkennbar die Handschrift von Reni. Im Unterschied zum Wandbild hat er in dem Entwurf am linken Rand die Gestalt des Kronos eingefügt. Zudem ist der Himmel von einer Engelsschar bevölkert, die in der Ausführung schließlich auf die Gestalt des fackeltragenden Phosphorus, des Morgensterns, reduziert wird. Im Entwurf ist die Komposition zudem wesentlich dynamischer aufgefasst. Mit ihren federnden Schritten und freudig beschwingten Bewegungen bilden die Horen einen ausgelassenen Reigen, aus dem sich das vorpreschende Pferdegespann fast katapultartig herauslöst und mit der Gestalt der Aurora am rechten Rand zu kollidieren droht. Im Fresko sind die Figuren dagegen kräftiger, die Bewegungen bedächtiger, getragener, und sie entwickeln sich gleichmäßig, in kontinuierlichem Fluss. Reni hat in dieser Darstellung sowohl antike Bildwerke als auch Malereien der römischen Hochrenaissance als Vorbilder verarbeitet. So wurde schon lange bemerkt, dass die Gruppe der Horen von dem antiken Relief der Borghesischen Tänzerinnen entlehnt ist, das sich im Übrigen damals im Besitz des Auftraggebers des Werkes, #Scipione Borghese, befunden hat. Unverkennbar ist sodann die Anlehnung an das Figurenideal #Raphaels im Borgobrand (Stanza dell'Incendio del Borgo, Vatikan) und in den Fresken in der Gartenloggia der Villa Farnesina.
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 105.
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