Männliches Bildnis (Der Lautenspieler Mascheroni)
Annibale Carracci
um 1593
Annibale
Carracci lernte gemeinsam mit seinem Bruder #Agostino bei seinem Vetter
#Lodovico in Parma, wo ihn vor allem die Kunst #Correggios in ihren Bann zog.
Bei einem späteren Aufenthalt in Venedig studierte er die Werke #Tizians,
#Tintorettos und #Veroneses. In Bologna führte er mit Agostino und Lodovico
eine gemeinsame Werkstätte, die zunehmend mit Aufträgen überhäuft und im
letzten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts immer bekannter wurde. 1595 berief ihn
#Kardinal Odoardo Farnese nach Rom, wo Annibale mit der Galleria Farnese sein
Hauptwerk schuf. Durch seine intensive Auseinandersetzung mit der Antike und
der Malerei der Hochrenaissance und den starken Naturalismus vor allem in
seinen genreartigen Darstellungen setzte er sich bewusst vom Manierismus ab. Neben
#Caravaggio zählt Annibale Carracci zu den Begründern der Barockmalerei in
Italien.
Verglichen mit seinem anderen künstlerischen Aufgabenbereich, stellen Aufträge
für Porträts eine relative Seltenheit dar, obgleich sich Annibale seit seiner
Bologneser Zeit wiederholt mit der Bildnismalerei befasst hat, nicht zuletzt
aufgrund seiner Lehre bei #Bartolomeo Passarrotti. Anfänglich konzentrierte
sich sein Interesse bei der Porträtwiedergabe weniger auf die soziale Stellung
und das Ansehen des Dargestellten, sondern eher auf das Studium der Gesichter
und Charaktere gewöhnlicher Menschen aus seinem unmittelbaren Lebensumfeld.
Erst ab den 1580er-Jahren begann Annibale, an "offiziellen"
repräsentativen Porträts zu arbeiten. Um 1593/94 schuf er das Bildnis des Lautenspielers
Mascheroni, mit dem sowohl die Zeichnung der Albertina als auch eine
Federstudie in Windsor Castle (Inv. Nr. 2277, https://www.rct.uk/collection/search#/5/collection/902277/giulio-mascheroni§) eng verbunden sind. #Carlo
Cesare Malvasia, der Verfasser von Lebensbeschreibungen Bologneser Künstler,
identifizierte das Gemälde, das er in der Sammlung des Herzogs von Modena
gesehen hatte. Später wurde es von #Friedrich III. von Sachsen gemeinsam mit
anderen Bildern aus Modena erworben und befindet sich heute in den Staatlichen
Kunstsammlungen in Dresden (https://skd-online-collection.skd.museum/Details/Index/242888§).
Während die Vorzeichnungen in Wien und Windsor Castle nur Antlitz und Büste des
Musikers zeigen, ist dieser auf dem Gemälde als Halbfigur, die Laute spielend
und mit Feder und Noten im Bildvordergrund dargestellt. Man nimmt an, dass die
skizzenhafte Studie in Windsor Castle dem detaillierter ausgeführten Blatt der
Albertina vorangeht, das in der subtilen Modellierung mit dem Rötelstift und
der meisterhaften Herausarbeitung der Lichteffekte modelloartigen Charakter
hat. Möglicherweise hat der Künstler die Zeichnung geschaffen, um seinem
Auftraggeber einen Eindruck zu vermitteln, wie das ausgeführte Werk aussehen
würde. Er könnte die Zeichnung aber auch für sich selbst geschaffen haben, um
sich das Aussehen des Dargestellten für die Wiedergabe im Bild genau zu
vergegenwärtigen. Wenngleich das Porträt der Albertina nahezu mit dem des
Gemäldes in Dresden übereinstimmt, mutet es unmittelbarer und direkter an,
zumal die Zeichnung in stärkerer Nahansicht wiedergegeben ist. Dadurch, dass
das Brustbild das gesamte Papierformat ausfüllt, bringt es die Persönlichkeit
des Musikers viel stärker zum Ausdruck als das Bildnis auf dem Gemälde, das
distanzierter und zurückhaltender anmutet.
Heinz Widauer, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 103.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/26976/mannliches-bildnis-der-lautenspieler-mascheroniImage Request