Brief von Egon Schiele an Marie Schiele vom 2. Oktober 1914
Egon Schiele
2. Oktober 1914
[Anfang des Briefes rechts:] 2. Ok[t]ober 1914. | Liebe Mutter! ich bin tatsächlich jetzt | so beansprucht daß ich in der letzten | Zeit überhaupt nicht daran denken konnte | in die Liechtensteinstraße zu kommen. | Ich habe die feste Absicht so weit als möglich | allen Einladungen Folge zu leisten und | sehe daraus daß es mir auch Nutzen | bringt, – darum wurde in den letzten | Tagen eine Kette daraus die sich immer | weiter zu verzweigen scheint. Vorige | Woche war ich täglich vormittags bei Dr. | Heinrich Böhler, der nahm mich zum | Kegelabend zu Hartmann am | Kärntnerring mit, – ich lernte unter | anderen auch einen Engländer kennen. | Beim Kegeln gewann ich 16 Kronen. | als es 2h nachts war nahm uns der | Mann Klimt, Prutscher, ich im Auto | nach haus. – Dann war ich an | einen [!] der letzten Tage beim fünf | Uhr Tee bei Lederers eingeladen – | auch dort waren natürlich viele Leute.
[Briefende links:] mein Schüler Heinrich B. [Böhler] überall | mitnehmen. – Nach Indien | will er mit mir, sagte er. | Allerdings in 1-2 Jahren. | – Vorgestern war auch Carl | Reininghaus bei mir und | zwar um 5h hatte er sich | angesagt und kam in der Tat | um 1/2 10h abends. Nur | Geduld haben was Geld anbelangt | ich habe die Empfindung daß ich | endlich aus der unsicheren Existenz | heraus bin. – ich will mir | einiges ersparen. – | In den nächsten Tagen am Abend | komme ich zu Euch, hoffentlich | vergiß ich nicht den Atlas. – | Eben sind mir zwei Zeichnungen | von Harta geschenkt worden | und eine von O. Kokoschka. | Vormittags bekam ich prähistorische | Scherben. Herzlichst allseits Egon.
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